Unangemeldeter Besuch 2

Seine Schwester hatte überraschend angerufen. Aus der konfusen Erzählung entnahm er, dass sie sich von ihrem Mann getrennt hatte und sich vorübergehend, bis sie etwas Besseres gefunden hätte, bei ihm einquartieren wollte. Wie Lydia mit ihren drei Kindern in seine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung passen sollte, überstieg sein Vorstellungsvermögen. Sie würden sein ganzes Leben durcheinanderbringen. Lydia fragte ihn, typisch für sie, überhaupt nicht, ob er mit dem Überfall einverstanden wäre, sondern teilte ihm nur mit, dass sie am Bahnhof stände und ihn von der Firma abholen wolle. Erschrocken hatte sich Petermann gewehrt und vorgeschlagen, sie solle bei McDonalds essen und dann mit einer Taxe zur Wohnung fahren. Er würde ihr die Auslagen ersetzen. Mit Grausen dachte er an die kommenden Tage. Wie sollten die bloß werden, wenn die Woche schon so anfing? Aber er konnte doch nicht so ehrlos sein und seine kleine Schwester vor der Tür stehen lassen! Da er überhaupt keine Phantasie besaß, sah er keine andere Lösung des Problems.
Am Bahnhof stieg er aus und ging gedankenschwer den gewohnten Weg. Als er von der Goethe-Allee in die Schillerstraße bog, prallte er fast zurück. Bereits von weitem erkannte er seine Schwester. Sie stand vor einer Taxe und gestikulierte lebhaft. Laut schallte ihre Stimme zu ihm. Schrill schmerzte sie in seinem Ohr. Um Lydia herum lag Gepäck verstreut. Eine alte Dame mit Gehwagen musste auf die Straße ausweichen, weil sie auf dem Bürgersteig nicht mehr durchkam. Wilhelm überwand seinen Unmut und eilte tapfer hinzu.
Lydia balancierte auf hohen Absätzen zwischen dem Gepäck. Aber selbst ihr knapper Minirock und das enge, tief ausgeschnittene Top unter dem geöffneten Blazer bezirzte den Chauffeur nicht.
„Also, bezahlen Sie mich nun oder soll ich die Polizei rufen?“, grollte der Fahrer, als Wilhelm in Hörweite war.
„Warten Sie bitte noch etwas, mein Bruder muss jeden Augenblick kommen“, versuchte Lydia ihn zu vertrösten. Den fast zweijährigen Sascha hielt sie an der Hand. Der Junge weinte, sein Mund war weit aufgerissen, das Gesicht sah zerknautscht aus und die blonden Haare waren zerstrubbelt. An der Hauswand schrie das Baby im Kinderwagen und davor stand der Hund und jaulte. Nur der vierjährige Nico sah zufrieden aus. Er hatte sich einen Ast genommen und malte auf die Heckklappe des Autos.
Als Lydia aufsah, entdeckte sie ihren Bruder. „Ach, da bist du ja endlich.“ Sie fiel ihm um den Hals und küsste ihn rechts und links auf die Wangen.
Mühsam befreite sich Wilhelm. „Ich habe gesagt, ich bin 17.14 Uhr zu Hause, schau auf die Uhr. Ich bin pünktlich.“ Dann trat er einen Schritt vor, nahm Nico den Ast weg und den Jungen an die Hand. „Wenn du nicht so ungeduldig gewesen und vorzeitig hergekommen wärst, wäre diese peinlich Situation nicht eingetreten“, wies Wilhelm seine Schwester zurecht.
Anschließend wandte er sich dem Taxifahrer zu. „Entschuldigen Sie bitte, was bekommen Sie?“
„Inzwischen achtzehn Euro fünfzig“, erwiderte der Chauffeur entnervt.

(…)

Leseprobe aus „Petermanns Chaos“, das Buch ist bei Amazon zu beziehen.

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