Archiv für den Monat Dezember 2012

Die Weihnachtsüberraschung

Missmutig saß ich in der Küche, frühstückte und schaute hinaus in den Dauerregen. Obwohl es schon Mitte Dezember war, ließ der Schnee noch auf sich warten. Ich überlegte, was ich Weihnachten unternehmen sollte. Seit ich mich vor vier Wochen endlich von meinem langjährigen Freund Jens getrennt hatte, war ich niedergeschlagen. Natürlich musste ich als Alleinstehende am Heiligen Abend und den beiden Feiertagen im Krankenhaus arbeiten, deshalb konnte ich nicht zu meinen Eltern nach Norddeutschland fahren. Was fing ich nun mit den einsamen Abenden an? Meine Freunde feierten alle in der Familie. Greta hatte mich zwar eingeladen, aber ich hatte abgelehnt, ich wäre mir dabei zu sehr als Eindringling vorgekommen. Vielleicht könnte ich Frau Bartels besuchen? Die alte Dame wohnte über mir. Einmal hatte ich sie zum Arzt gefahren, weil sie krank war. Seitdem verstanden wir uns hervorragend. Ich erledigte ab und zu kleine Besorgungen für sie, und sie hörte mir zu und spendete mir Trost. Dabei vermittelt sie mir immer das Gefühl alle Probleme wieder in den Griff zu bekommen. Sie lebte ganz allein und hatte keine Verwandten mehr. Manchmal erzählte sie zwar von ihrem wunderbaren Enkelsohn, den hatte aber noch nie jemand gesehen, deshalb bezweifelten wir seine Existenz.

Am Heiligen Abend ging ich also, sobald ich Feierabend hatte, festlich angezogen mit Kuchen und einem kleinen Geschenk zu Frau Bartels.

Wie ich erwartet hatte, war sie ganz allein in der geschmückten Stube. Sie war gerührt, dass ich sie besuchte und kochte gleich Kaffee. Bald saßen wir gemütlich zusammen, und sie erzählte von früher, von ihrer tödlich verunglückten Tochter und ihrem Enkelsohn. Sie zeigte mir alte Fotos und erklärte: „Mein Schwiegersohn ist Engländer, bald nach dem Tod meiner Tochter ist er wieder in seine Heimat zurückgegangen. In den ersten Jahren habe ich sie dort besucht, doch dann hat er wieder geheiratet, und ich wollte keine Unruhe in die neue Ehe bringen.“

„Haben Sie noch Kontakt zu ihrem Enkel?“, fragte ich neugierig.

„Aber ja, Steve ist ein feiner Kerl. Er besuchte mich manchmal. In den letzten Jahren hat er als Ingenieur in Amerika gearbeitet, das ist leider zu weit weg. Jetzt hat er sich nach München versetzen lassen, dann sehe ich ihn bestimmt öfter.“  Frau Bartels lächelte zufrieden.

Es klingelte an der Wohnungstür.

„Wer ist denn das?“, fragte sie überrascht und erhob sich. „Soviel Trubel war Weihnachten seit Jahren nicht mehr.“

Nach einer geraumen Weile kam sie mit einem unverschämt gutaussehenden, braungebrannten Mann im Arm zurück.

„Vanessa, das ist mein Enkel Steve, ich kann es noch gar nicht fassen, dass er hier ist“, stellte sie ihn vor.

„Guten Tag, so eine freudige Überraschung“, begrüßte ich ihn. „Sie haben sich sicher viel zu erzählen, da will ich nicht stören.“ Unauffällig wollte ich verschwinden. Aber ich hatte nicht mit Steve gerechnet.

„Nein, nein, ich kann doch nicht unangemeldet hier einfallen und die Gäste meiner Großmutter vertreiben. Bitte bleiben Sie hier“, bat er mit einem leichten englischen Akzent.

„Ich wollte sowieso gehen“, wehrte ich ab. „Morgen muss ich früh aufstehen und arbeiten.“

„Nein, Vanessa, Sie bleiben“, bestimmte Frau Bartels resolut. „Ich weiß nur nicht, was wir essen sollen. Vielleicht bestelle ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Pizza?“

„Bis die heute geliefert wird, sind wir verhungert. Ich habe noch Hähnchenschenkel und Rotkohl im Gefrierfach“, schlug ich vor.

Gemeinsam kochten wir unter viel Gelächter und Ausnutzung sämtlicher Reste ein dreigängiges Weihnachtsessen. Hinterher saßen wir bei einem Glas Wein und Steve erzählte spannend von England und Amerika. Die Zeit verging wie im Fluge.

Schließlich erhob ich mich, etwas Schlaf brauchte ich unbedingt. Steve bestand darauf, mich die Treppe hinunter zu begleiten. Vor meiner Tür sagte er: „Vielen Dank, dass du dich so nett um meine Granny gekümmert hast. Bitte, besuche uns morgen Abend wieder.“

Als ich überrascht zu ihm hochsah, lächelte er mich so liebevoll an, dass mir ganz warm wurde. Dann schloss er mich in seine Arme, hauchte mir einen Kuss auf den Scheitel und sagte leise: „Ich warte morgen auf dich.“

© Eva Joachimsen

Weltuntergang – Der Morgen danach

Sein Kopf dröhnte dumpf. Langsam breitete sich der Schmerz immer stärker aus. Vom Hinterkopf strahlte er bis ins Gesicht und den Nacken hinein. Und ihm war entsetzlich übel.

Ingo traute sich nicht, die Augen zu öffnen. Seine Phantasie gaukelte ihm die schrecklichsten Fratzen vor. Schüttelfrost packte ihn und seine Zähne stießen zusammen. Er bereute es, nicht mit Hanna und ihrer Gruppe nach Südfrankreich gefahren zu sein.

Seit Jahren versuchte Hanna ihn zu bekehren und in ihre Sekte hineinzuziehen. Nein, es war keine gefährliche Sekte. Nur ein bisschen spinnert waren sie.

Ingo hatte etwas am Rande mitgemacht. Ab und zu Hanna bei Vorbereitungen zu Gottesdiensten und Festen geholfen. Oder als Stichwortgeber auf Seminaren teilgenommen. Allmählich war er immer weiter hinein geglitten.

Über ihre Überzeugung, dass die Welt kurz vor Weihnachten 2012 untergehen würde, hatte er anfangs gelacht. Aber im Laufe der Monate und Jahre war er nicht mehr so sicher gewesen. Die Sektenmitglieder waren intelligente, angesehene Leute. Ingo konnte nicht dagegen halten und beugte sich immer mehr ihren Argumenten.

Hanna redete ihm seit dem Frühling zu, zu kündigen und nach Bugarach in Frankreich mitzukommen. Dort wollten sie sich in Ruhe auf das Ende der Welt vorbereiten. Sie wollten meditieren und sich reinigen, um für ein neues, anderes Leben vorbereitet zu sein.

Erst einmal nahmen sie die diversen Naturkatastrophen als Mahnung auf. Beeindruckt kündigte Ingo hastig und wollte im September nachkommen. Hanna kam eigens aus Frankreich, um ihn abzuholen.

Auf dem Flugplatz kam es Ingo absurd vor. Wenn die Welt schon untergehen würde, dann doch für immer und ewig. An den Mist mit dem Ufo glaubte er nicht. Kurz entschlossen hatte er Hanna stehen gelassen und umgebucht. Statt die Pyrenäen eine Weltreise. Und er hatte aus dem Vollen gelebt. War das Leben schon kurz, wollte er noch alle und alles mitnehmen. Wozu auf die große Liebe warten, wenn es in einem Vierteljahr sowieso endete? Warum in einer Pension nächtigen, wenn er im Hotel bedient wurde? Zuerst entsparte er, mitnehmen konnte er das Geld sowieso nicht, dann überzog er das Konto. Schließlich nahm er einen großen Kredit auf, für den seine Großmutter bürgte.

Am 20.12. war er mit einem süßen Mädchen und einem geliehenen Smoking ins Casino gegangen und hatte zum ersten Mal in seinem Leben gespielt. Gegen halb zwölf hatte er sich in die Bar gesetzt und in kürzester Zeit alle möglichen Cocktails ausprobiert. Die Apokalypse wollte er nicht nüchtern erleben. Er hatte wohl ziemlich lange in der Bar gesessen. Irgendwann hatte sie ihn hinausgeworfen. Da dämmerte es schon.

Jetzt bereute Ingo das letzte Vierteljahr. Wäre er doch bloß mit Hanna nach Bugarach gefahren. Bei so viel Liebe und Bereuen wäre er garantiert im Himmel gelandet. Vielleicht konnte Hanna noch ein gutes Wort für ihn einlegen.

Ingo fühlte Höllenqualen. Und das sollte er bis in alle Ewigkeiten aushalten? Länger konnte er die Augen nicht mehr geschlossen halten. Voller Angst vor dem schrecklichen Unbekannten öffnete er sie. Geblendet schloss er sie gleich wieder. Vorsichtig blinzelte er. Hell schien die Sonne ins Zimmer. Neben ihm schlief dieses süße Mädel, wie war bloß ihr Name?

Langsam richtete er sich auf und schaute auf die Uhr mit Kalender. 10.00 Uhr, 22.12. Er war schon tot. Er blinzelte, dann richtete er sich auf und sah aus dem Fenster. Er konnte den Kirchturm sehen und den Bahnhof. Menschen standen auf dem Bahnsteig und ein Zug fuhr ein. War denn die Welt nicht untergegangen? Ingo kniff sich. Entsetzt betrachtete er den roten Flecken auf dem Arm.

Wie sollte er bloß weiterleben?

 

© Eva Joachimsen