Schlagwort-Archive: Schwester

Unangemeldeter Besuch 3

(…)
Mit einem besorgten Blick auf die Taschen und Koffer, den Kinderwagen mit seinem schreienden Inhalt, den bellenden Hund, den Nico inzwischen an der Leine hielt und das Katzenkörbchen zog Wilhelm einen Fünfzigeuroschein aus dem Portemonnaie. „Können Sie uns beim Hochtragen helfen?“, bat er.
„Bis wohin?“ Misstrauisch schaute der Fahrer die Fassade empor.
„Nur in den ersten Stock. Es würde dann so stimmen.“
„Aber Wilhelm …“, fiel Lydia ein. Mit einer Handbewegung warf sie ihre langen, blonden Haare nach hinten.
„Sind Sie so freundlich?“ Er lächelte den Fahrer an.
„In Ordnung.“ Der Chauffeur grapschte nach dem Schein und verstaute ihn. Dann schnappte er sich zwei Koffer und lief los. Lydia drückte ihrem Bruder den Katzenkorb in die Hand.
„Ich wollte die Reisetaschen nehmen“, wandte er ein.
„Nein, zuerst die Katze und der Hund“, bestimmte Lydia.
Gehorsam eilte Wilhelm mit dem Katzenkorb, einer Reisetasche und seinem Aktenkoffer beladen zur Wohnung.
Nico stolperte mit dem Hund an der Leine hinter ihm her. „Nicht so schnell, Onkel Willy“, japste er.
Auf dem Absatz begegnete Wilhelm dem Taxenfahrer, der die Koffer einfach mitten auf dem Treppenabsatz stehen gelassen hatte.
Wilhelm setzte die Tasche ab und suchte den Schlüssel. Doch bevor er das Schloss aufschließen konnte, musste er erst einmal Nico, der ihn erreicht hatte und vor der Tür wartete, wegschieben.
Inzwischen kam der Fahrer erneut, drängte den Hund mit dem Fuß zur Seite und ließ zwei Reisetaschen und die Windeltasche neben dem anderen Gepäck fallen.
„Den Kinderwagen schaffen Sie bestimmt alleine. Ich fahre dann.“ Bevor Wilhelm antworten konnte, verschwand er.
„Müssen Sie den Fluchtweg versperren, unerhört“, schimpfte Herr Koch aus dem dritten Stock. Er stand auf der letzten Stufe und konnte nicht weitergehen, weil der Podest vollgestellt war. Zwischen dem Gepäck stand Nico und hielt den Hund eisern fest, der herumwuselte und sich in der Leine verheddert hatte.
„Sie können doch nicht einfach alles hier abladen. Das ist eine Unverschämtheit“, giftete Herr Koch. Sein Gesicht färbte sich mehr und mehr. An der Schläfe trat eine Ader hervor.
Als Antwort bellte Hannibal aufgeregt und überschlug sich fast. In einer Hand hielt Wilhelm noch immer den Korb mit der fauchenden Katze, mit der anderen versuchte er verzweifelt den Schlüssel ins Schloss zu stecken. „Entschuldigen Sie bitte, ich räume sofort auf.“ Er versuchte, so souverän zu wirken, wie es mit einem an seinem Arm zerrenden kleinen Jungen ging. Natürlich dauerte es ziemlich lange, bis er die Tür geöffnet hatte.
Hastig schob er eine Tasche mit dem Fuß in den kleinen Flur. Dadurch verlor der Berg seinen Halt und rutschte ab. Wilhelm sprang vor und verhinderte im letzten Augenblick, dass ein unförmiger Beutel die Treppe hinunterstürzte. Allerdings fielen zwei Äpfel und einige Butterkekse heraus und mussten wieder eingesammelt werden. Endlich hatte er eine Schneise für den Nachbarn freigemacht.
„Und ich habe Sie bisher für rücksichtsvoll gehalten“, murmelte Herr Koch, als er vorbeiging.

(…)

Leseprobe aus „Petermanns Chaos“, das Buch ist bei Amazon zu beziehen.

Unangemeldeter Besuch 2

Seine Schwester hatte überraschend angerufen. Aus der konfusen Erzählung entnahm er, dass sie sich von ihrem Mann getrennt hatte und sich vorübergehend, bis sie etwas Besseres gefunden hätte, bei ihm einquartieren wollte. Wie Lydia mit ihren drei Kindern in seine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung passen sollte, überstieg sein Vorstellungsvermögen. Sie würden sein ganzes Leben durcheinanderbringen. Lydia fragte ihn, typisch für sie, überhaupt nicht, ob er mit dem Überfall einverstanden wäre, sondern teilte ihm nur mit, dass sie am Bahnhof stände und ihn von der Firma abholen wolle. Erschrocken hatte sich Petermann gewehrt und vorgeschlagen, sie solle bei McDonalds essen und dann mit einer Taxe zur Wohnung fahren. Er würde ihr die Auslagen ersetzen. Mit Grausen dachte er an die kommenden Tage. Wie sollten die bloß werden, wenn die Woche schon so anfing? Aber er konnte doch nicht so ehrlos sein und seine kleine Schwester vor der Tür stehen lassen! Da er überhaupt keine Phantasie besaß, sah er keine andere Lösung des Problems.
Am Bahnhof stieg er aus und ging gedankenschwer den gewohnten Weg. Als er von der Goethe-Allee in die Schillerstraße bog, prallte er fast zurück. Bereits von weitem erkannte er seine Schwester. Sie stand vor einer Taxe und gestikulierte lebhaft. Laut schallte ihre Stimme zu ihm. Schrill schmerzte sie in seinem Ohr. Um Lydia herum lag Gepäck verstreut. Eine alte Dame mit Gehwagen musste auf die Straße ausweichen, weil sie auf dem Bürgersteig nicht mehr durchkam. Wilhelm überwand seinen Unmut und eilte tapfer hinzu.
Lydia balancierte auf hohen Absätzen zwischen dem Gepäck. Aber selbst ihr knapper Minirock und das enge, tief ausgeschnittene Top unter dem geöffneten Blazer bezirzte den Chauffeur nicht.
„Also, bezahlen Sie mich nun oder soll ich die Polizei rufen?“, grollte der Fahrer, als Wilhelm in Hörweite war.
„Warten Sie bitte noch etwas, mein Bruder muss jeden Augenblick kommen“, versuchte Lydia ihn zu vertrösten. Den fast zweijährigen Sascha hielt sie an der Hand. Der Junge weinte, sein Mund war weit aufgerissen, das Gesicht sah zerknautscht aus und die blonden Haare waren zerstrubbelt. An der Hauswand schrie das Baby im Kinderwagen und davor stand der Hund und jaulte. Nur der vierjährige Nico sah zufrieden aus. Er hatte sich einen Ast genommen und malte auf die Heckklappe des Autos.
Als Lydia aufsah, entdeckte sie ihren Bruder. „Ach, da bist du ja endlich.“ Sie fiel ihm um den Hals und küsste ihn rechts und links auf die Wangen.
Mühsam befreite sich Wilhelm. „Ich habe gesagt, ich bin 17.14 Uhr zu Hause, schau auf die Uhr. Ich bin pünktlich.“ Dann trat er einen Schritt vor, nahm Nico den Ast weg und den Jungen an die Hand. „Wenn du nicht so ungeduldig gewesen und vorzeitig hergekommen wärst, wäre diese peinlich Situation nicht eingetreten“, wies Wilhelm seine Schwester zurecht.
Anschließend wandte er sich dem Taxifahrer zu. „Entschuldigen Sie bitte, was bekommen Sie?“
„Inzwischen achtzehn Euro fünfzig“, erwiderte der Chauffeur entnervt.

(…)

Leseprobe aus „Petermanns Chaos“, das Buch ist bei Amazon zu beziehen.