Frühlingswahn

Sophie zog den Mantelkragen hoch und den Kopf ein. Es regnete in Strömen. Dazu war es kalt. Sie eilte von der Bushaltestelle nach Hause. Beherzt sprang sie mit ihren Pumps über eine Pfütze und riss die Tür des kleinen Imbissladens auf.
„Eine Currywurst mit Pommes“, sagte sie und legte ihren Laptop auf den kleinen Bistrotisch.
„Ich hab‘ Feierabend.“ Willy, der alte Besitzer der Imbissbude brummte etwas Unverständliches. Es klang wie: „Kannst du nicht pünktlich kommen?“
Sophie hielt lieber den Mund, statt darauf hinzuweisen, wie lange sie schon in seine Bruchbude zum Essen kam. Ohne sie hätte er den Laden bestimmt längst zumachen können.
Immerhin kippte er noch die Pommes frites in die Fritteuse. Es roch wie üblich etwas nach altem Fett. Sophie dachte lieber nicht nach, ob Willy wirklich frische Zutaten verwendete, bevor sie es sich anders überlegte. Sonst hätte sie hungern müssen, da in ihrem Kühlschrank wieder einmal gähnende Leere herrschte. Eigentlich hatte sie gleich nach der Arbeit einkaufen wollen, aber dann mussten noch die Bestellungen abgearbeitet werden und ihr Kollege Jens hielt sie auf, weil er sofort etwas geklärt haben wollte. Leider war er schrecklich umständlich, daher dauerte es. Deshalb war es wieder spät geworden und sie hatte keine Lust mehr zum Einkaufen gehabt, sondern war gleich nach Hause gefahren. Noch bevor sie in die Wohnung ging, besorgte sie also um die Ecke bei Willy etwas zum Essen. Dabei hatte sie sich Silvester fest vorgenommen, gesünder zu leben. Mehr Gemüse zu essen und sich mehr zu bewegen. So langsam schlugen sich ihre schlechten Essgewohnheiten auf den Hüften nieder. In einige Hosen passte Sophie nicht mehr hinein. Aber bis zum Urlaub hatte sie die überflüssigen Pfunde sicher schon wieder verloren. Bisher waren sie immer von allein Anfang des Jahres verschwunden. Diesmal dauerte es halt etwas länger.
„Übernimmt dein Sohn jetzt den Imbiss?“, fragte Sophie, während sie wartete.
„Blödsinn, der hat Betriebswirtschaft studiert, der will doch keine Imbissbude übernehmen.“
Sicher hatte sie ihm das Studium mit ihren vielen Currywürsten finanziert. Dafür könnte Willy ihr eigentlich dankbar und etwas freundlicher sein. Warum hatte sie sich in der Zeit eigentlich kein eigenes Studium geleistet? Oder wenigstens in eine Fortbildung investiert?
„Dann bleibst du uns noch etwas erhalten“, meinte Sophie obwohl ihr ein etwas freundlicherer Verkäufer besser gefallen hätte. Wieder einmal beschloss sie, sich unbedingt einen größeren Vorrat an Tiefkühlkost zuzulegen, um solche Stresstage gesund und satt zu überstehen. Gleich in der Mittagspause des nächsten Tags wollte sie einkaufen und nicht erst auf den Feierabend warten.

Aus Frühlingswahn.

 

 

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