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Ostseegeschichten, nicht nur für den Sommer

Was tut man in den Sommerferien? Auf dem Balkon, in der Bahn oder im Flieger sitzen und lesen? Oder vielleicht am Strand liegen und schmökern? Ich selbst lese allerdings nicht nur, sondern schreibe dann auch viel. Schließlich entfällt der Alltagsstress und die Ideen fließen leichter. Passend zu der Jahreszeit natürlich Feriengeschichten.

Ein paar diese Sommergeschichten hatte ich im schmalen E-Book „Strandkorburlaub“ vor Jahren veröffentlicht. Einige andere wurden in Zeitschriften gedruckt. Dazu kamen ein paar neue, die sich einfach auf meiner Festplatte langweilten. Also habe ich meine Ostseegeschichten zusammengetragen, überarbeitet und einer Lektorin geschickt. Im letzten Urlaub grübelte ich, bis ich einen Titel fand, der mir gefiel:

„Sonne, Strand und Federwolken“.

Anschließend bat ich wieder Tom Jay, mir ein Cover zu gestalten. Er schickte mir mehrere Fotos zur Auswahl und es fiel mir schwer, mich zu entscheiden, da mir vier davon gut gefielen. Aber eins fand ich besonders passend und nahm es. Inzwischen ist das neue Buch formatiert und hochgeladen.

„Sonne, Strand und Federwolken“ gibt es bei Amazon, Thalia, Weltbild, Hugendubel, Buch.de, Bücher.de und ebook.de.

Cover_ebook Kopie

© rcfotostock – Fotolia.com
Covergestaltung: TomyJay – bookcover4everyone / http://www.tomjay.de

 

Tanzen ist so romantisch

Verliebsein ist herrlich! Welches Mädchen träumt nicht von einem Prinzen, der den gefährlichen Drachen besiegt? Meinetwegen kann es auch der edle Piratenkapitän sein, der einen aus Seenot rettet. Gut, so ist es natürlich nur in Filmen und Büchern. Im realen Leben benötigt man eher im Umgang mit der blöden Nachbarin oder bei den kleinen Reparaturen im Haushalt einen starken Mann. Ganz sicher hilft eine gute Partnerschaft gegen die Einsamkeit. Aber wo findet frau nun ihren Traummann?

Früher lernten sich viele Paare beim Tanzen kennen. Häufig liest man in der Zeitung, wenn die Diamantene oder gar Eiserne Hochzeit geehrt wird, dass alles beim Dorffest begann. Oder in der Tanzschule. Auch meine Eltern sind sich dort begegnet. Schließlich ist man gezwungen, auf das andere Geschlecht zuzugehen, und trifft sich wiederholt. Das ist hilfreich, um die Schüchternheit zu überwinden.

Heute sollen die meisten Beziehungen im Kollegenkreis entstehen. Andere wiederum suchen sich ihre Partner im Internet. Aber bestimmt ist der Walzer zum Verlieben stimmungsvoller. Zum Glück sind die Tanzkurse selbst bei Jugendlichen wieder sehr gefragt, daher spielen einige meiner Liebesgeschichten in diesen Kreisen und laden zum Träumen ein.

Verlier nie die Hoffnung

OLYMPUS DIGITAL CAMERAFassungslos betrachtete Vanessa das Schreiben in ihrer Hand. Eigentlich hatte sie schon längst geahnt, dass es so kommen würde. Aber sie hatte es nicht wahrhaben wollen. Ihr Chef hatte sein Geld falsch angelegt. In der Gier, immer mehr Reichtum anzuhäufen, hatte er in fragwürdige Papiere investiert. Und jetzt war nicht nur sein privates Vermögen hin, jetzt war auch seine Firma pleite und die fünf Mitarbeiter mussten entlassen werden.

Noch am gleichen Tag eilte Vanessa zum Arbeitsamt und meldete sich arbeitslos.

„Im kaufmännischen Bereich sieht es sehr schlecht aus. Sogar den Versicherungen geht es nicht gut, wie Sie selbst sehen.“ Die Beraterin war nicht gerade aufbauend.

„Und was soll ich jetzt Ihrer Meinung nach tun?“

„Suchen, immer weiter suchen, bereit sein, einen weiten Anfahrtsweg auf sich zu nehmen. Am besten wäre es, wenn Sie in eine Region ziehen, der es wirtschaftlich besser geht.“

„Zum Beispiel, im Münchener Raum ist die Arbeitslosigkeit viel niedriger als bei uns.“

„Aber ich bin verheiratet und mein Mann hat einen guten Job“, widersprach Vanessa. Die Beraterin zuckte die Schultern und schickte sie weg mit dem Versprechen, ihr freie Stellen zu melden.

Am Abend wartete sie auf Ralf. Sie musste unbedingt mit jemanden sprechen. Doch er kam nicht zur gewohnten Zeit. In den letzten Monaten blieb er viel zu lang in der Firma. Vanessa machte sich schon Sorgen um seine Gesundheit. Aber heute brauchte sie ihn besonders. Sie überlegte kurz, ihn in der Firma anzurufen, allerdings ärgerte er sich darüber immer. „Herr Hermann es nicht mag, wenn ich Privatgespräche führe.“

Sollte sie lieber mit ihrer besten Freundin Hella telefonieren und sich den Kummer von der Seele reden? Sie ließ es, weil Ralf es ihr verübeln würde, wenn er es nicht als Erster erfuhr.

Gegen neun Uhr kam er endlich nach Hause.

Vanessa fiel ihm um den Hals. „Ich habe so auf dich gewartet.“

Er schob sie von sich und zog erst einmal seine Jacke aus.

„Was gibt es zu essen?“

„Aufschnitt, außerdem habe ich geräucherte Makrele besorgt.“ Es irritierte Vanessa, dass er so gar kein Interesse an ihren Sorgen hatte. „Ich muss wirklich dringend mit dir sprechen.“

„Was ist denn los? Ist jemand gestorben?“

Sie setzten sich an den Tisch. Vanessa traute sich nicht, mit der Tür ins Haus zu fallen. Beim Essen wollte Ralf sich nicht mit ernsthaften Dingen beschäftigen. Anschließend las er die Tageszeitung.

„Ich bin gekündigt worden“, erzählte sie, als sie sich auszog. Ralf lag bereits im Bett, da sie zuerst Zähne geputzt hatte. „Ich war auch schon beim Arbeitsamt. Die haben natürlich keine freien Stellen.“

„Das war zu befürchten. Such im Internet. Die meisten Stellen werden inzwischen darüber vergeben. Außerdem ist eine Bewerbung per Mail oder Homepage viel günstiger und schneller.“ Damit war das Problem für ihn gelöst und er drehte sich um und schlief gleich ein.

Vanessa hörte seinen gleichmäßigen Atem, während sie sich die Tränen wegwischte.

(…)

aus „Verlier nie die Hoffnung

Herzschmerz-Romane

Die meisten Liebesromane sind Herzschmerz-Geschichten. Spannend geschrieben, entwickeln sie einen Sog, der mich sofort in die Geschichte zieht und das Buch erst aus der Hand legen lässt, wenn es durchgelesen ist. Selbst wenn ich dann am nächsten Morgen bleich und mit Augenringen zur Arbeit wanke. Ich fühle und leide mit der Heldin. Wird sie alle Intrigen und Anschläge auf ihr Leben heil überstehen? Wird sie am Ende endlich ihren Traumprinzen in die Arme schließen können? Dramatik pur.
Umso dankbarer bin ich, wenn ich mit meinem Liebsten nur darüber streite, wer endlich den Müll runterbringen muss, statt mit einer intriganten Nebenbuhlerin um ihn zu kämpfen. Oder wenn meine Schwiegermutter nur meint, der Kuchen wäre etwas trocken (womit sie übrigens recht hat), aber nicht versucht, mich in den Kerker zu werfen oder gar einen Mordanschlag auf mich verübt.
Wahrscheinlich macht das einen großen Teil des Reizes aus. Ich schlüpfe in meiner Phantasie in eine Rolle, die ich im wirklichen Leben gar nicht haben will. Denn wer will schon ernsthaft als Sklavin in einem Serail leben? Oder mit Läusen und Wanzen, aber ohne Dusche und WC, auf einem Piratenschiff? Ich träume verschiedene Lebensentwürfe, damit ich sie nicht alle ausprobieren muss.
Der einzige Nachteil an diesen Herzschmerz-Romanen ist, dass sie häufig dick sind und dadurch die Nächte viel zu kurz werden.

Frühlingswahn

Sophie zog den Mantelkragen hoch und den Kopf ein. Es regnete in Strömen. Dazu war es kalt. Sie eilte von der Bushaltestelle nach Hause. Beherzt sprang sie mit ihren Pumps über eine Pfütze und riss die Tür des kleinen Imbissladens auf.
„Eine Currywurst mit Pommes“, sagte sie und legte ihren Laptop auf den kleinen Bistrotisch.
„Ich hab‘ Feierabend.“ Willy, der alte Besitzer der Imbissbude brummte etwas Unverständliches. Es klang wie: „Kannst du nicht pünktlich kommen?“
Sophie hielt lieber den Mund, statt darauf hinzuweisen, wie lange sie schon in seine Bruchbude zum Essen kam. Ohne sie hätte er den Laden bestimmt längst zumachen können.
Immerhin kippte er noch die Pommes frites in die Fritteuse. Es roch wie üblich etwas nach altem Fett. Sophie dachte lieber nicht nach, ob Willy wirklich frische Zutaten verwendete, bevor sie es sich anders überlegte. Sonst hätte sie hungern müssen, da in ihrem Kühlschrank wieder einmal gähnende Leere herrschte. Eigentlich hatte sie gleich nach der Arbeit einkaufen wollen, aber dann mussten noch die Bestellungen abgearbeitet werden und ihr Kollege Jens hielt sie auf, weil er sofort etwas geklärt haben wollte. Leider war er schrecklich umständlich, daher dauerte es. Deshalb war es wieder spät geworden und sie hatte keine Lust mehr zum Einkaufen gehabt, sondern war gleich nach Hause gefahren. Noch bevor sie in die Wohnung ging, besorgte sie also um die Ecke bei Willy etwas zum Essen. Dabei hatte sie sich Silvester fest vorgenommen, gesünder zu leben. Mehr Gemüse zu essen und sich mehr zu bewegen. So langsam schlugen sich ihre schlechten Essgewohnheiten auf den Hüften nieder. In einige Hosen passte Sophie nicht mehr hinein. Aber bis zum Urlaub hatte sie die überflüssigen Pfunde sicher schon wieder verloren. Bisher waren sie immer von allein Anfang des Jahres verschwunden. Diesmal dauerte es halt etwas länger.
„Übernimmt dein Sohn jetzt den Imbiss?“, fragte Sophie, während sie wartete.
„Blödsinn, der hat Betriebswirtschaft studiert, der will doch keine Imbissbude übernehmen.“
Sicher hatte sie ihm das Studium mit ihren vielen Currywürsten finanziert. Dafür könnte Willy ihr eigentlich dankbar und etwas freundlicher sein. Warum hatte sie sich in der Zeit eigentlich kein eigenes Studium geleistet? Oder wenigstens in eine Fortbildung investiert?
„Dann bleibst du uns noch etwas erhalten“, meinte Sophie obwohl ihr ein etwas freundlicherer Verkäufer besser gefallen hätte. Wieder einmal beschloss sie, sich unbedingt einen größeren Vorrat an Tiefkühlkost zuzulegen, um solche Stresstage gesund und satt zu überstehen. Gleich in der Mittagspause des nächsten Tags wollte sie einkaufen und nicht erst auf den Feierabend warten.

Aus Frühlingswahn.

 

 

Glatteiswarnung

Dina zog sich an. Winterstiefel, Daunenjacke, Mütze, Handschuhe und Schal. Draußen war es sehr kalt.
„Seien Sie heute vorsichtig. Überall ist es spiegelglatt. Es hat schon zahlreiche Unfälle gegeben“, brabbelte das Radio.
Sie musste sich sputen, deshalb hatte sie keine Zeit, das Radio auszuschalten. Vor lauter Eile brach sie fast den Schlüssel ab. Im letzten Augenblick ließ sie ihn los und versuchte es ein zweites Mal. Anschließend sprang sie leichtfüßig die Treppe hinunter und zur Haustür hinaus. Auf der Straße rutschte sie gleich auf den ersten Metern weg. Mit dem Glatteis direkt vor der Eingangstür hatte sie nicht gerechnet. Sonst war der Hausmeister immer sehr zuverlässig. Sie versuchte, das Gleichgewicht zurückzugewinnen und ruderte wild mit ihren Armen herum. Im letzten Augenblick brachte sie ihre Füße unter ihren Körper und gewann ihr Gleichgewicht zurück. Schade, dass das niemand gefilmt hatte, es war sicher sehenswert. Bei diesen Straßenverhältnissen würde sie es nicht mehr pünktlich zur Arbeit schaffen. Warum hatte sie auch bloß gestern noch den Krimi gesehen, statt früh ins Bett zu gehen? Natürlich hatte sie früh am Morgen dann den Wecker ausgestellt, statt aufzustehen. Mit ihren achtundzwanzig Jahren sollte sie eigentlich vernünftiger sein. Und jetzt konnte sie nicht einmal ihr Auto nehmen, um schneller zur Firma zu kommen.
Also schlitterte sie zur Bushaltestelle, anders konnte man ihre Fortbewegung nicht nennen. Vorbei an der alten Frau Schmättke von gegenüber. Sie war schon fast an der Haltestelle angekommen, da überlegte sie, wie ihre siebenundachtzigjährige Nachbarin bei diesem Glatteis irgendwohin gehen sollte. Also balancierte sie zurück.
„Frau Schmättke, bleiben Sie stehen. Sie können heute unmöglich aus dem Haus gehen“, rief sie schon von weitem. Doch die alte Dame hörte sie nicht. Unbeirrt lief sie weiter. Ihr Gehweg schien zum Glück noch stumpf zu sein. Dina nahm keine Rücksicht mehr, selbst heil anzukommen, sondern glitschte und rutschte, so schnell sie konnte. Frau Schmättke erreichte gerade die Gartenpforte, als Dina schon fast bei ihr war. Sie sah auf und nickte Dina zu. „Haben Sie etwas vergessen?“, fragte sie.
Doch bevor Dina antworten konnte, zog es ihre Beine weg und sie landete hart auf ihren Händen und Knien. Auf dem Bauch schlitterte sie bis vor die Füße von Frau Schmättke.
„Kindchen, haben Sie sich etwas getan?“, fragte Frau Schmättke, als Dina so vor ihr lag.
Dina sammelte sich erst einmal. Ihre Hände und Knie brannten, aber sie schien heil zu sein. Sie erhob sich, bevor Frau Schmättke sich bückte und ihr aufhalf.

Aus „Glatteiswarnung“, erhältlich bei amazon.

Glühwein und Weihnachtsgans

Cindy hetzte durch die Stadt. In beiden Händen trug sie volle Plastiktüten. Eine Woche vor Weihnachten und erst jetzt hatte sie Zeit, sich um die Weihnachtsgeschenke zu kümmern. Es war zum Verzweifeln. Aber auf der Arbeit gab es so viel zu tun, dass sie jede Menge Überstunden schob. Und wenn sie dann endlich nach Hause ging, war sie viel zu müde um sich noch durch die Geschäfte zu schieben oder in Ruhe im Internet zu stöbern. Letzten Samstag wollte sie einkaufen, aber nachdem sie ausgeschlafen hatte, stand ihre kleine Schwester vor der Tür.
„Hallo Cindy, ich dachte, du brauchst jemanden, der dich aus deinem Trübsinn reist.“ Karo war eine spontane Studentin. Ein paar Semester mehr oder weniger regten sie nicht auf. Allerdings musste Cindy ehrlich zugeben, dass Karo ihrer Mutter nicht mehr auf der Tasche lag, sondern sich ihren Unterhalt selbst verdiente. Kein Job war ihr zu schlecht. Weder Babysitten, Kellnern, Nachhilfe, Hundesitter oder Verkäuferin. Selbst bei der Obsternte hatte sie schon zwischen den Apfelbäumen gestanden. „Lohnt sich überhaupt nicht, davon kann ich ja gerade einmal die Semesterferien überstehen“, meinte sie hinterher.
„Du, ich muss heute unbedingt Weihnachtsgeschenke kaufen“, sagte Cindy und wollte sie schon hinauswerfen.
„Kein Problem. Ich liebe Weihnachtsmärkte.“
Sie hatte nicht übertrieben. Jede Kleinigkeit interessierte sie. Überall blieb sie stehen und spielte mit den ausgestellten Waren. Das Ende vom Lied war, dass Cindy am Abend völlig erledigt war, weil sie von Stand zu Stand geschoben wurden, zwischendurch Glühwein, Krapfen, Bratwurst und gebrannte Mandeln in sich hineingestopft hatten. Dafür hatte sie kein einziges Geschenk besorgt. Schließlich hatte Karo nicht zugelassen, dass sie früh ins Bett gingen, sondern hatte sie auch noch ins Kino und hinterher in die Disko gezerrt.
„Ich bin müde. Ich hatte eine anstrengende Woche.“ Vergeblich. Ihre Argumente hatten ihr nicht geholfen. Gegen ihre kleine Schwester war sie machtlos.
„Wenn ich schon einmal in der Großstadt bin, will ich auch etwas erleben.“ Und weil es in ihrer Universitätsstadt keine großen Kunstausstellungen gab, scheuchte sie Cindy auch noch am Sonntagvormittag aus dem Bett und schleppte sie zu den modernen Malern.
„Du bist überhaupt nicht mehr informiert. Meine Güte, es gibt doch auch noch ein Leben außerhalb deiner Firma“, klagte sie, als sie von Bild zu Bild schlenderten.
Cindy atmete am Abend auf, als Karo ihren Rucksack packte und wieder verschwand. Sie freute sich fast auf ihr Büro. Trotzdem ging sie die nächsten drei Tage so früh wie möglich ins Bett. Und jetzt hatte sie nur noch sechs Tage Zeit für alles, einschließlich des Gänsebratens, denn Karo und ihre Mutter hatten sich wie gewohnt bei ihr eingeladen. Sie seufzte. Warum fühlte sie sich bloß für die Familie verantwortlich? Sie hatte ihren Vater schließlich nicht mit ständigen Vorwürfen aus dem Haus getrieben. Andererseits hatte sie damals die Rolle des Familienoberhaupts übernommen. Eine viel zu große Verantwortung für eine Sechzehnjährige, aber ihre Mutter war dazu nicht in der Lage gewesen. Und sie hatte auch auf das erhoffte Studium verzichtet, um ihrer Mutter nicht länger zur Last zu liegen.
In Gedanken schob sie sich durch die Menschen, die vor den Weihnachtsbuden standen, ohne auf sie zu achten. Sie wollte in den Fotoladen, der ein paar Meter weiter war. Überall stieß sie mit ihren breiten Tüten an und kam kaum durch die schmalen Gassen, die die Leute widerwillig bildeten. Sie nahm den rechten Arm vor die Brust und trug jetzt die Tüten vor ihrem Körper, um schmaler zu sein. Plötzlich drehte sich ein Mann um und prallte gegen sie, als sie gerade vorbeiging.
„Aua, können Sie nicht aufpassen?“, fauchte sie. Ihre beige Wolljacke färbte sich dunkelrot vom Glühwein. Entsetzt betrachtete sie ihr neues Stück. Wochenlang hatte sie genau diese Jacke gesucht, und jetzt kippte so ein Depp seinen Wein über die teure Jacke.

Aus Schneegestöber, Tannenduft und Sternenglitter

 

Der Pralinenstand

(…)
„Zieh zu uns, dann zahlst du nur noch Strom und Heizung“, bot Stinas Mutter an.
Stina zögerte lange, sie wollte nicht wieder bei ihren Eltern einziehen, auch wenn sie sich gut mit ihnen verstand. Aber schließlich begannen die Herbstferien und Monika hörte auf. Wenn Stina wirklich schnell einsetzbar sein wollte, brauchte sie eine Betreuung für Lars.
„Du kannst dann auch abends bequemer einmal weggehen. Es wird Zeit, dass du wieder unter Leute kommst.“
Oder auf Männerjagd, dachte Stina. Ihre Mutter drängte seit Lars Geburt, dass sie sich einen Mann fürs Leben suchen sollte. Aber so einfach war es nicht mit einem Kind. Drei Jahre hatte sie eine lose Beziehung mit Bernd geführt, aber der hatte sich vor ein paar Monaten von ihr getrennt. Er hatte sich als Familienvater überfordert gefühlt.
Ohne ihre Antwort abzuwarten, hatte ihr Vater schon begonnen, den ersten Stock ihres alten Hauses umzubauen. Jeden Tag arbeitete er mit seinem Bruder Manfred oben. Als Stina das mitbekam, arbeitete sie mit und am Wochenende durfte auch Lars helfen. Er fühlte sich wichtig, wenn er seinem Großonkel Nägel und Werkzeug reichen durfte. Stina schraubte und hämmerte mit. Nach ein paar Wochen waren Küche, Bad und Schlafzimmer fertig und ihre Eltern zogen hoch.
Ohne die alten Räume auch nur zu streichen, zog Stina ein, um die Miete zu sparen. Während ihr Vater oben Wohnzimmer und Gästezimmer ausbaute, strich Stina Lars Zimmer. An die Wände malten sie einen Drachen und einen Prinzen. Ihr eigenes Schlafzimmer und das Wohnzimmer wollte Stina später vorrichten, wenn sie wieder mehr Geld hatte.
Nebenbei fing sie an, Pralinen herzustellen. Schon vor Jahren hatte sie in ihrer Freizeit gerne gebacken und Pralinen gemacht. Jetzt musste sie sich beschäftigen.
„Mann, die sind lecker, die solltest du verkaufen“, riet Connie ihr, als sie zum Geburtstag eine große Tüte voll selbstgemachter Pralinen erhielt.
Stinas Mutter riet ihr auch dazu. „Wenn du den Ärzten zu teuer bist und unser Krankenhaus momentan keine MTA braucht, dann versuche doch, damit Geld zu verdienen.“
„Aber wie soll ich die denn verkaufen?“
(…)

aus: „Schneegestöber, Tannenduft und Sternenglitter

 

Jagd auf Männer

Müde ließen Lucy und Christine sich in der S-Bahn auf die Sitze fallen. Sie hatten noch umräumen müssen und als Letzte den Laden verlassen. Inzwischen waren die Bahnen leer. Wer fährt schon am Samstagabend spazieren?
„Ich werde nicht übernommen“, meinte Lucy niedergeschlagen. Nur wenige Menschen fanden Gnade vor den Augen ihrer furchteinflößenden Chefin. In den letzten zwei Jahren hatte sie ihr Selbstbewusstsein beachtlich untergraben.
Christine strich sich ihre wilde Lockenpracht zurück. „Ich auch nicht. Beim Personalgespräch vorgestern haben sie mir vorgeworfen, dass ich mich unmöglich kleide und keinen Einsatz zeige.“
Christine zog sich extravagant an, aber mussten sie deshalb gleich so stressen?
„Was machen wir nach der Prüfung? Mit dem miesen Zeugnis bekomme ich nie eine Stelle. Noch eine zweite Ausbildung dranhängen?“ Lucy sah niedergeschlagen aus. Bei der momentanen Arbeitsmarktlage steuerten sie auf die Arbeitslosigkeit zu.
„Augen offen halten und auf eine Chance warten“, entgegnete Christine. Sie war eine unverbesserliche Optimistin.
„Oder reich heiraten.“ Ein Lächeln huschte über Lucys Gesicht.
„Heute Morgen habe ich einen netten, älteren Herrn bedient. So einen müsste ich mir angeln“, erklärte Christine.
Der Herr gegenüber sah sichtlich geschockt aus.
Christine setzte noch eins obendrauf. „Kennen Sie einen Kandidaten? Oder sind sie selbst noch frei?“, fragte sie.
Mit einem missbilligenden Gesichtsausdruck öffnete der Herr seine Zeitung.
Dafür beugte sich der junge Mann von der anderen Seite des Ganges zu ihnen herüber und fragte: „Wie wäre es mit mir?“
„Sind Sie reich?“, fragte Christine.
„Haben Sie einen vermögenden Freund?“, erkundigte Lucy sich.

aus „Schwer beladen ins Glück

Der Strandkorb

 

Nicola packte ihr Netbook in die Badetasche. Darauf legte sie ihre Unterwäsche, T-Shirt und Shorts. Sie stellte die Tasche neben den Strandkorb. Gewollt achtlos warf sie ihr Handtuch darüber. Erst dann stürzte sie sich ins Wasser. Herrlich, das kühle Nass befreite ihren Geist. Über eine halbe Stunde blieb sie im Wasser, bevor sie zurücklief. Sie war etwas abgetrieben und musste suchen, bis sie ihren Platz und ihre Tasche entdeckte. Lag sie nicht woanders? Ihr Herz sackte in ihr Höschen. Nicht ihr Netbook. Es war zwar alt, nur deshalb hatte sie sich getraut, es überhaupt an den Strand mitzunehmen. Aber die vielen Stunden, die sie an ihrer Doktorarbeit gesessen hatte. Ihre Schritte wurden immer länger und schneller. Endlich erreichte sie das Handtuch. Ihre Tasche lag darunter und auch das Netbook war noch drinnen. Erleichtert atmete sie tief durch, trocknete sich ab, zog die Tasche näher an den Strandkorb und ließ sich dort nieder. Irgendein Fremder hatte ein Tuch und ein Polohemd hingelegt. Sie schob es zur Seite, fuhr ihr Netbook hoch und arbeitete weiter. Im Freien machte das Arbeiten viel mehr Spaß. Wie gut, dass ihr Akku stundenlang hielt. Darauf hatte sie vor Jahren beim Kauf auch besonders geachtet. Klein, handlich und lange Laufzeit. Den sonstigen Firlefanz brauchte sie nicht, sie benutzte es hauptsächlich als Schreibmaschine. Gerade jetzt. Eigentlich konnte sie sich gar keinen Urlaub leisten. Sie musste ihren Abgabetermin einhalten und war schon etwas in Verzug. Aber ihre Mutter hatte gedrängt. „Fahr an die See. Sieh zu, dass du an die frische Luft kommst, sonst wirst du noch krank.“ Sie hatte ihr auch den Urlaub spendiert und gebucht. Nicola brauchte nur den Koffer packen und hinfahren.

Ihre Mutter hatte recht gehabt. Brauchte sie daheim ewig, um ein paar Seiten zu schreiben, flogen ihre Gedanken und ihre Finger hier. In drei Tagen wäre sie fertig, wenn sie so weitermachen würde. Dann musste sie nur noch einmal alles durchlesen und überarbeiten und die Bilder und Tabellen einfügen.

Als sie mit dem Kapitel zu Ende war, sah sie auf. Direkt neben ihr lag ein braungebrannter Mann auf einem Handtuch. Er sah durchtrainiert wie ein Bodybuilder aus. Ganz schön dreist, ihr so auf die Pelle zu rücken. Sie fröstelte, daher zog sie ihr T-Shirt aus der Tasche und zog es über. Dann vertiefte sie sich wieder, wurde aber bald hochgeschreckt, als der Braungebrannte das T-Shirt vom Sitz neben ihr griff und es sich überzog. Aber Nicola war zu sehr in ihre Arbeit vertieft, um sich darüber Gedanken zu machen. Sie schrieb und schrieb. Ab und zu öffnete sie andere Dateien, schaute sich ihre Notizen noch einmal an, anschließend schrieb sie weiter.

„Wenn Sie weiter in der Sonne sitzen, bekommen Sie einen Sonnenbrand.“

Sie zuckte zusammen. Was ging es diesen aufdringlichen Fremden an, ob sie einen Sonnenbrand hatte oder nicht? Sie beachtete ihn nicht, sondern schrieb weiter.

Schließlich räusperte er sich. „Entschuldigen Sie, ich möchte Sie in Ihrer wichtigen Arbeit nicht stören, aber ich würde jetzt gern den Strandkorb abschließen.“

Sie fuhr auf, blinzelte erst einmal. Was erzählte er da gerade? „Das ist mein Strandkorb“, fuhr sie ihn an.

„Nein, meiner.“ Er hielt ihr den Schlüssel hin, darauf stand AH 317. Sie kramte in ihrer Tasche, bis sie ihren Schlüssel fand. AH 318.

Er nahm ihn und las. Dann lachte er. „Ihr Korb steht eine Reihe weiter hinten.“ Er zeigte auf den Korb neben ihnen. Nicola schaute auf ihren Schlüssel, danach auf die Nummer am Strandkorb und errötete. Am liebsten wäre sie unter den Korb gekrochen.

(…)

Leseprobe aus „Strandkorburlaub”, das Buch ist von amazon zu beziehen.

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