Schlagwort-Archive: Kurzgeschichte

Quallenalarm

„Nun komm schon. Ich muss mich abkühlen.“ Energiegeladen sprang Jessy auf und hielt Rena auffordernd eine Hand hin.

„Viel zu heiß“, murmelte Rena und schloss ihre Augen wieder. Sie war froh, dank des Strandkorbs im Schatten zu liegen und zu dösen. Bei dieser Hitze war jede kleinste Bewegung zu anstrengend. Wenn sie gewusst hätte, dass es an der Ostsee so heiß werden konnte, hätte sie auch gleich in die Tropen reisen können. Sie vertrug Sonne nicht, bekam sofort Kopfschmerzen, außerdem litt sie an einer Sonnenallergie. Sogar die teure Sonnencreme aus der Apotheke half nicht. Deshalb saß sie im Strandkorb unter einem Zelt aus Tüchern.

„Eben, deswegen will ich baden“, bestätigte Jessy.

„In der warmen Brühe?“, fragte Rena.

Doch Jessy gab nicht so schnell auf, sondern drängte sie so lange, bis Rena endlich aufstand und ihr folgte. Im flachen Bereich tobten kleine Kinder herum. Rena beeilte sich, in Jessys Nähe zu bleiben. Die war schließlich Rettungsschwimmerin und Rena traute sich nur mit ihr in die See. Sie selbst war froh, wenn sie nicht ertrank. In der Schule hatte sie jahrelang ihre gute Sportnote durch den Schwimmunterricht verdorben. Jessy begann zu schwimmen, während Rena sich an die Kälte gewöhnen musste. Dabei hatte die Ostsee sicher zwanzig Grad, aber die Luft war noch wärmer. Um Jessy nicht völlig zu verlieren, warf sich Rena todesmutig ins Wasser und paddelte wild hinterher. Doch was war das? Vor ihr trieb eine riesige Qualle. Rena hasste Quallen. Welche waren noch mal gefährlich? Egal, widerlich waren alle. Sie drehte ab. Auch daneben schwamm ein Wabbeltier. Vorsichtig tastete Rena nach dem Boden. Auf Zehenspitzen konnte sie gerade eben stehen. Ängstlich erkundete sie die Lage. Rundherum trieben rote Quallen in der Größe von Omas altem Sonnenhut.

„Hilfe, Jessy!“, schrie Rena. Leider hörte Jessy sie nicht, sondern entfernte sich unbeirrt weiter. Rena balancierte langsam auf Fußspitzen zurück. Immer eine sichere Lücke zwischen diesen ekligen Tieren suchend. Sie bewegte sich millimeterweise im Zickzack vorwärts.

„Hier ist eine freie Stelle“, sagte eine Stimme hinter ihr.

Rena wandte sich hastig um. Eine Welle brandete heran, riss sie von ihren Füßen und schwappte über ihren Kopf. Das Salzwasser brannte in den Augen und der Nase. Sie blinzelte. Ein paar Schritte vor sich sah sie menschliche Schemen. Jessy! Hilfesuchend stürzte sich Rena auf ihre Freundin und klammerte sich an deren Hals.

„Lassen Sie los. Sie erwürgen mich“, befahl jemand scharf.

Doch Rena hörte in ihrer Angst nichts mehr. Krampfhaft umschlang sie ihre vermeintliche Freundin mit Armen und Beinen.

„Wenn Sie nicht loslassen, ertrinken wir beide.“

Rena reagierte nicht. Erst als ihre Finger und Hände schmerzhaft aufgebogen wurden, kam sie zur Besinnung. Vor ihr befand sich ein bärtiges Männergesicht. Hilfe! Sie umarmte einen wildfremden Kerl. Wie peinlich!

Geschockt ließ sie los. Prompt ging sie unter und schluckte Wasser. Kräftige Arme zogen sie wieder an die Oberfläche. Prustend holte sie Luft. Der starke Mann trug sie zum Ufer, mitten durch die roten Feuerquallen. Am Strand setzte er sie ab. „Wenn man nicht schwimmen kann, sollte man sich nicht so weit in die See wagen.“

Glutrot im Gesicht beschloss Rena, die Bemerkung lieber zu überhören und sich bei ihrem Retter zu bedanken.

(…)

Cover_ebook Kopie

Leseprobe aus: „Sonne, Strand und Federwolken“

Vom 10.7. bis zum 21.7.17 gibt es das E-Book zum Einführungspreis von 99 Cent bei Amazon, Thalia, Weltbild, Hugendubel, Buch.de, Bücher.de und ebook.de.

Advertisements

Zwei weihnachtliche Kurzgeschichten

Wer Weihnachtsgeschichten mag, kann meine Geschichte „Schneekatastrophe zu Weihnachten“ auf Wattpad lesen. Außerdem gibt es auch in diesem Jahr wieder eine Kurzgeschichte von mir in der Weihnachts-Textwerkstatt.

Ein unerfahrener Weihnachtsmann

Es klingelte. Dani stürzte zur Tür. Vor lauter Eifer stolperte er und schlug mit dem Kopf gegen den Schrank. Weinend blieb er liegen. Miriam erreichte ihn als erste und hob ihn hoch. Um ihn zu trösten, pustete sie kräftig auf seine Stirn. Als es erneut an der Tür klingelte, vergaß er die Schmerzen, sprang von ihrem Schoß und hüpfte zur Tür.

„Der Weihnachtsmann, der Weihnachtsmann“, sang er.

Doch nachdem er die Tür aufgerissen hatte und direkt vor dem großen Mann im roten Umhang und dem langen, weißen Bart stand, verkroch er sich lieber hinter dem Rücken seiner großen Halbschwester.

„Kommen Sie bitte herein“, forderte Miriam den Mann auf.

Ihre Mutter stand in der Wohnzimmertür und nickte dem jungen Mann, den sie angeheuert hatte, aufmunternd zu.

„Guten Abend, hier soll Daniel wohnen“, dröhnte der Mann im tiefsten Bass, nur beim Wort wohnen verrutschte die Stimme etwas.

Miriam unterdrückte ein Lachen. Sie gluckste etwas. Und als sie dem Weihnachtsmann in die Augen sah, war es um ihre und seine Beherrschung geschehen. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und stürzte ins Badezimmer.  weiterlesen

 

Ein Zusammenstoß

Randi balancierte ihr Paket vorsichtig durch das Gedränge am Hauptbahnhof. Leider hatte sie auf ihr Weihnachtsgeld warten müssen, um die Weihnachtseinkäufe zu machen. Seit Tagen war sie durch die Läden gelaufen, hatte sich über gestresste Verkäuferinnen und ungeduldige Kunden geärgert. Aber es hatte sich gelohnt, sie hatte für ihre Großmutter einen Porzellankerzenständer, passend zu dem guten Geschirr, bekommen. Bestimmt würde sie sich darüber freuen. Ihre Mutter hatte kein Verständnis für solchen Firlefanz. „Es muss praktisch sein und in den Geschirrspüler passen“, meinte sie stets.
Bei Oma war das anders, die stellte zu Feiertagen ihr gutes Geschirr hin und kochte aufwändig mit Suppe, Braten und Dessert. Bei ihr kam kein Fertiggericht auf den Tisch.
Auf einmal rempelte jemand Randi an, fast wäre ihr das Geschenk aus der Hand gefallen. Krampfhaft umklammerte sie es und hielt es hoch. Aber dadurch verlor sie bei einem zweiten Stoß die Balance und stürzte, noch immer das Paket mühsam hochhaltend. Sie landete unsanft auf dem Boden. Ihr Knie schmerzte, ebenso ihr Knöchel und ihr Ellenbogen. Aber das Paket hatte den Boden nicht berührt!
„Haben Sie sich verletzt?“ Ein junger Mann beugte sich über sie. Eine blonde Strähne fiel widerspenstig in sein Gesicht. Er sah so besorgt aus, dass Randi lachte. Dabei verzog sie ihr Gesicht schmerzhaft.
„Können Sie bitte das Paket halten, damit ich aufstehen kann?“, bat sie.
Der Mann nahm ihr das Geschenk ab und eine zierliche, grauhaarige Dame reichte ihr die Hand, um ihr hochzuhelfen.
Der Knöchel brannte höllisch. Am liebsten hätte Randi sich wieder fallen gelassen.
Ihre beiden Helfer musterten sie besorgt. „Soll ich einen Krankenwagen rufen?“, fragte die Frau.
„Danke, nein.“ Randi schüttelte den Kopf und griff nach ihrem Paket. Dann humpelte sie ein paar Schritte weiter. Es schmerzte, aber es ging, wenn sie die Zähne zusammenbiss.
„Wohin müssen Sie?“, fragte der Mann.
„Nur fünf Stationen mit der S3.“
„Mit der fahre ich auch. Ich begleite Sie.“
Er nahm ihr das Paket wieder ab und stützte sie. Mühsam humpelte sie die Treppe hinunter.
„Sie sollten zum Arzt gehen, Sie sind ganz blass.“ Er führte sie zu einer Bank und bat einen Jungen, aufzustehen.
Dankbar setzte Randi sich hin. „Ich werde froh sein, wenn ich zu Hause bin.“
„Kann Sie jemand zum Arzt bringen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Meine Eltern sind verreist, die kommen erst einen Tag vor Weihnachten zurück. Genau wie meine Freundin. Ich habe leider keinen Urlaub bekommen.“
„Dann bringe ich dich hin. Ich heiße Mark.“ Mit einer Handbewegung schob er die Haarsträhne aus dem Gesicht.
Dankbar lächelte Randi ihn an.
Die Bahn fuhr ein und obwohl das Abteil voll war, sorgte er wieder dafür, dass sie einen Platz bekam.
Sie unterhielten sich über die schlechten Bahnverbindungen. Viel zu schnell erreichten sie den Zielbahnhof. Mark stieg mit ihr aus und brachte sie in ihre Wohnung.
„Du willst wirklich nicht zum Arzt?“, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf und lächelte. „Ich kühle es, morgen geht es bestimmt wieder.“
Bevor er ging, bat er um ihre Telefonnummer.
Randi legte ein feuchtes Handtuch auf ihren Knöchel, dann öffnete sie das Paket. Es war so schön verpackt, aber sie konnte ihrer Großmutter doch keinen beschädigten Kerzenständer schenken. Zum Glück war er heil geblieben. Sorgsam stellte sie ihn in den Schrank, dann legte sie sich wieder auf das Sofa. In der Nacht schlief sie schlecht. Das Bein schmerzte zu sehr. Am nächsten Morgen meldete sie sich krank. Bevor sie dazu kam, einen Arzt anzurufen, klingelte das Telefon.
„Ich komme heute Nachmittag vorbei und bringe dich zum Arzt“, bot Mark an.
Randi war froh, als er gegen vier Uhr bei ihr erschien. Dann fuhr er sie zum Unfallarzt. Als sie endlich mit einem Gipsbein ins Wartezimmer gehumpelt kam, wartete er noch immer auf sie und brachte sie nach Hause.
„Wie gut, dass ich dich getroffen habe, was hätte ich sonst gemacht?“
„Und wie würdest du dich versorgen?“ Er hielt bei einem Supermarkt an und kam kurz darauf mit einer vollen Plastiktüte zurück.
Randi hielt lieber den Mund. Ihre Großmutter fuhr zwar nicht mehr Auto, aber sie würde ihre Enkelin nie verhungern lassen. Aber für so einen hilfsbereiten Mann würde sie bestimmt gern zurückstehen.
„Ich hoffe, du magst Pilzsuppe, Roastbeef mit Salat und anschließend Mousse au Chocolat?“
Daheim musste sich Randi hinlegen, während Mark kochte, den Tisch deckte und versprach, hinterher abzuwaschen.

Kurzgeschichte des Monats

Nachdem ich vor ein paar Tagen das erste Mal etwas von der Kurzgeschichte des Monats beim Autoren-Netzwerk gelesen habe, musste ich dort gleich herumstöbern. Es gab schon eine Reihe schöner Augustgeschichten. Trotzdem entschloss ich mich, daran teilzunehmen. Zum Glück ist meine Festplatte ganz gut gefüllt, denn Zeit, eine neue Geschichte zu schreiben, habe ich momentan nicht. Und so kann man jetzt auf dem Blog meine Geschichte über den Kampf einer Hundsitterin mit dem betreuten Leonberger lesen.
Für alle, die keine Leonberger kennen: Der Hund von unseren Freunden braucht Einbrecher nicht verscheuchen, würde er auch nicht, dafür ist er viel zu träge und auch viel zu freundlich, aber es reicht, wenn er vor der Haustür liegt. Dann kommt niemand hinein oder hinaus.

Spatzen im Café

Amüsiert beobachtete Saskia das Treiben der Spatzen auf dem Platz vor ihr. Zwei Vögel stritten sich um ein Stückchen Brot. Während die zwei daran zerrten, hopste ein kleinerer dritter herbei und stibitzte ein viel größeres Stück.
Als Saskia aufblickte, lächelte die weißhaarige Dame am Nachbartisch sie an. „Wie meine Kinder früher“, meinte sie und Saskia nickte zustimmend.
Ihr Espresso wurde gebracht und da sie so viel Spaß an die Spatzen hatte, öffnete sie die Verpackung des Keks und zerkrümelte ihn. Sie wurde beobachtet. Sofort hüpfte ein Spatz auf den Tisch. Da er so zutraulich war, behielt sie ein Stückchen zwischen den Fingern und bot es ihm an. Tatsächlich, erst zögernd, dann entschlossen näherte sich der Vogel, schnappte nach dem Stück und floh dann damit auf einen Blumenkübel.
Die anderen Krümel warf Saskia auf den Fußboden, sofort stürzte sich die Vogelschar darauf. Noch bevor die Tiere weiterwanderten, legte jemand einen Keks auf ihren Tisch. „Als Kind habe ich sie auch immer gefüttert“, sagte eine tiefe Männerstimme. Der dunkelhaarige Mann, der sich zu ihrer Tischnachbarin gesetzt hatte, sah attraktiv aus.
„Um sie dann anschließend aufscheuchen zu können“, meinte die alte Dame.
Der Mann lachte. Es wirkte ansteckend und Saskia lachte mit. „Ich liebe die kleinen Piepmätze. Vor allem Spatzen.“
„Wollen Sie ihren Kaffee allein trinken? Setzen Sie sich doch zu uns“, bot er an.
Eigentlich war ihre Tasse fast leer, aber sie beschloss, ihre Mittagspause zu überziehen und noch eine zweite zu bestellen. Tine, ihre Chefin, hatte sicher Verständnis dafür.

©Eva Joachimsen

Frohe Weihnachten

 
 
BallträumeBild
„Meinst du wirklich, ich kann auch ohne Partner zum Ball gehen?“ Kim nahm Melanie einige Bücher ab und trug sie nach vorn. Sie mussten sie noch in Geschenkpapier einpacken. Die Bücher, die sie momentan verkauften, waren fast alle Weihnachtsgeschenke und die verpackten sie lieber morgens, wenn der Laden noch halbwegs leer war, als später, wenn die Warteschlange an der Kasse immer länger wurde.
„Natürlich, die Männer fordern reihum auf. Außerdem gibt es Vorführungen und Dirk muss fotografieren, da bin ich froh, wenn ich mich mit jemanden unterhalten kann.“
Trotzdem zögerte Kim noch. Natürlich musste sie unter Leute kommen. Seit sie ihren Ex rausgeschmissen hatte, war sie niedergeschlagen und saß fast jeden Abend vor der Glotze. Selbst zum Lesen hatte sie keine Lust mehr. Aber im Tanzclub Lietzensee kannten sich alle und außerdem konnten alle ganz toll tanzen. Da konnte sie mit ihren paar Tanzschulschritten doch gar nicht mithalten.
„Hast du ein schönes Kleid? Es muss nicht lang sein. Oder eine schwarze Stoffhose?“
Kim schüttelte den Kopf. „Mein Kleid vom Abtanzball passt mir schon lange nicht mehr.“ Ihr kam das Kleid aus dem Schaufenster in den Sinn. Seit Tagen schaute sie es sich in der Mittagspause sehnsüchtig an. Ein trägerloser Traum in dunkelrot. Ihre brünetten Haare würden damit gut zur Geltung kommen.
Obwohl sie das Kleid gleich am nächsten Tag in der Pause probierte, zögerte sie noch immer. Erst als Dirk Melanie am Abend abholte und einen attraktiven schwarzhaarigen jungen Mann dabei hatte, überlegte sie es sich ernsthaft. Den ganzen Abend und den nächsten Morgen träumte sie von diesem Typ. Der konnte glatt als Fotomodell durchgehen. Durchtrainierter Körper, gleichmäßige Gesichtszüge und dann diese schwarzen Locken.
„War das ein Tänzer?“, fragte sie am nächsten Tag Melanie.
„Nein, ein Kollege von Dirk. Der kommt auch zum Ball.“
Das gab den Ausschlag. „Gibt es bei euch noch Plätze? Ich habe nichts Besseres vor, dann kann ich auch mit dir mitkommen und den Tänzern zuschauen“, gab Kim sich uninteressiert.

 

Fini kam Lena schnell entgegen. Sie hatte den trippelnden Schritt, den sie immer hatte, wenn sie aufgeregt war. „Schau mal, Lena, da müssen wir hin.“ Sie wedelte mit einer Zeitung vor der Nase herum, so dass Lena den Artikel gar nicht lesen konnte. Nicht einmal den Titel.

„Um was geht’s?“ Lena griff nach der Zeitung.

In dem Augenblick kam Herr Schneider und schloss die Tür zum Klassenzimmer auf. Da er praktisch schon im Flur Unterricht machte und Lena gerade in Mathe am unteren Ende hing, traute sie sich nicht, den Zeitungsartikel unter der Bank zu lesen. Trotzdem bekam sie nichts von der Kurvendiskussion mit. Wozu brauchte man so etwas überhaupt?

In der Pause wollte Lena gerade die Zeitung ausbreiten, als Fini schon zu reden begann. „Die suchen noch Jugendliche für den Debütantenball. Ganz groß im Festsaal. Die Teilnehmer bekommen sogar einen Tanzkurs geschenkt. Samstag fängt die Vorbereitung an. Los lass uns da hingehen.“

Lena schaute sie spöttisch an. „Das klingt wie aus einem Liebesroman. Zu so etwas sind meine Großeltern hingegangen. Wer besucht heute schon die Tanzschule?“ Ihre Alten würden begeistert sein. Seit zwei Jahren lagen sie ihr in den Ohren, dass sie endlich zur Tanzschule gehen sollte. Ihre Mutter würde sofort ein Kleid und hochhackige Schuhe kaufen. Aber so aufgetakelt mochte Lena es gar nicht. Sie lief zum Leidwesen der Mutter lieber leger in Jeans oder Leggins und Pulli herum. Ganz anders Fini. Eigentlich passten die beiden Freundinnen überhaupt nicht zusammen. Fini war die superfleißige Einser-Schülerin, die immer die modischen Klamotten trug, und Lena die faule, die lieber zum Fußballspielen oder Schwimmen ging. Ja, Lena spielte wirklich gut Fußball und war sogar in der Landesauswahl. Zum Glück stand der Vater hinter ihr und fuhr sie zum Auswahltraining und zu den Spielen. Mutter fand es nicht weiblich genug. Außerdem interessierte sie Fußball überhaupt nicht.

Lena rechnete nicht mit Finis Hartnäckigkeit. Sie lag ihr die nächsten Tage ständig in den Ohren und nur die Drohung, nie wieder mit ihr zu sprechen, hielt sie davon ab, Lenas Eltern einzuweihen. Nur um endlich Ruhe zu haben, willigte Lena ein, zu dem Casting mitzugehen. Sie hatte kein Spiel und außer pauken für die nächste Mathearbeit nichts vor.

Fini kam im Minirock mit enganliegendem, bauchfreien Top und hohen Absätzen. Lena blieb, wie sie war. Ein weites T-Shirt, eine Jeans und Turnschuhe. Ihre Lieblingsschuhe. Dementsprechend sahen sie aus. Alt und abgetreten. Fini musterte sie. „Bist du noch nicht fertig?“

„Doch.“

„Ziehst du dir nichts anderes an?“

Lena schüttelte den Kopf. Da Fini wohl Angst hatte, dass die Freundin im letzten Augenblick einen Rückzieher machen würde, hielt sie den Mund. Sie hatte ganz genau nachgeschaut, wo sie hinmussten und wann die Bahn fuhr. Wie üblich war sie zuverlässig, deshalb waren sie eine Viertelstunde vor der Zeit da. Natürlich gab es viel mehr Mädchen als Jungen.

„Tanzen Mädchen zusammen?“, fragte Lena. Ihr Bruder hatte es von seiner Tanzstunde berichtet. Es gab so wenig Jungs, dass einige Mädchen zusammen tanzten. Außerdem wurden die wenigen Jungen gefragt, ob sie nicht im nächsten Kurs aushelfen konnten, daher hatte Jakob mehrere Kurse gemacht.

„Du kannst vielleicht Jakob überreden mitzukommen“, schlug Fini gleich vor. Lena biss sich auf die Zunge. Hätte sie bloß den Mund gehalten.

Bald erschien der Tanzlehrer. Er sah ganz anders aus, als Lena es sich vorgestellt hatte. Nicht wie die uralte Tanzlehrerin, von der Jakob erzählt hatte.

„Hallo, ihr wollte also als Debütanten auftreten. Ich zeige euch jetzt ein paar Schritte und dann tanzt ihr sie nach.“

Ein paar Schritte. Es waren nur sechs. Trotzdem hatten die meisten Probleme, ihre Füße zu sortieren. Ein dunkelhaariger Junge verknotete seine Füße so sehr, dass Lena lachen musste. Er lief rot an. Richtig süß.

„Komm, ist doch ganz einfach.“ Sie nahm ihn an die Hand und machte die Schritte gemeinsam mit ihm. Und sieh da, er konnte es auch.

„Tut mir leid, dass ich gelacht habe“, entschuldigte sie sich.

Er grinste. „Ich bin total unbegabt. Aber Meine Mutter hat so lange genervt, bis ich gesagt habe, das eine Mal gehe ich hin.“

„Bei mir war‘s die Freundin.“ Lena zeigte auf Fini. „Aber da es so wenige Jungen gibt, wirst du wohl Pech haben und genommen werden.“ Sie grinste schadenfroh.

„Nur, wenn mir jemand hilft.“ Er wirkte so schüchtern und unbeholfen, dass Lena gleich wieder Mitleid bekam. Also blieb sie die Stunde an seiner Seite und sie folgten zusammen den Anweisungen. Eigentlich folgte Lena ihnen und zerrte Tobi dabei mit.

„Soll ich dir das nächste Mal Schuhe mit Stahlkappen mitbringen?“, fragte er, als er zum dritten Mal auf ihren Füßen stand.

„Fußball spiele ich besser“, entschuldigte er sich, als er immer wieder in die falsche Richtung lief.

„Wo spielst du denn?“ Von da an unterhielten sie sich über Fußball und die Ergebnisse der Bundesligaspiele.

Erstaunlicherweise wurden sie trotzdem ausgewählt, genauso wie Fini. Ohne sie hätte Lena auch nicht weitergemacht. Eigentlich hatte sie es auch nicht vorgehabt, aber es war ganz lustig mit Tobi. Und auch der Tanzlehrer, Oliver, war witzig und fröhlich und hatte eine Reihe Sprüche auf Lager, so dass sie immer wieder lachten.

Mutter war ganz begeistert von dem Debütantenball. Wie Lena befürchtet hatte, schleppte sie ihre Tochter in den nächsten Tagen mit einer Einkaufsliste, die Oliver mitgegeben hatte, durch die Läden.

Fini überredete Jakob, mitzumachen. Sie hatte keine Lust, sich mit irgendwelchen unbegabten Jungen herumzuquälen. Sie war eben nicht so resolut wie Lena, sondern ließ es zu, dass die Jungen einfach nicht im Takt tanzten und litt dann darunter.

Mit der Zeit bildete sich um Fini und Lena eine Gruppe. Sie verstanden sich und gingen nach dem Tanzen noch Hamburger essen oder ins Kino.

Und Tobi gab Lena sogar im Tausch zu ein paar Übungseinheiten Tanzen Nachhilfe in Mathe. Er war dabei so begabt, dass sie eine Vier schaffte. Die beste Zensur seit einem Jahr.

Endlich kam der große Tag, Fini fieberte schon die ganze Woche vor Aufregung. „Wird schon schiefgehen.“ Lena grinste sie frech an. „Wenn ich mich blamiere, lässt meine Mutter mich sicher in Ruhe mit weiteren Tanzstunden und so. Am besten stolpere ich über das Kleid und zerreiße es dabei, dann ist es entsorgt und ich muss nie wieder auf so eine Veranstaltung.“

„Und Tobi?“

„Der ist nett, mehr aber auch nicht. Ich kann auch ohne ihn leben.“

Fini lachte. „Glaube ich dir nicht.“

Lena zuckte mit den Schultern. Sie hatte zwei Spiele seiner Mannschaft gesehen. Er war ein richtig guter Stürmer. Ansonsten trafen sie sich nur in der Tanzstunde, da inzwischen die Zeugniskonferenzen gewesen waren und sich weitere Nachhilfestunden erübrigten.

Lena fuhr mit den Eltern zum Ball. Die Mutter war wohl aufgeregter als sie. Jakob und Lena grinsten sich an, sagten aber lieber nichts. Manchmal verstehen Eltern keinen Spaß.

Tobi stand schon am Eingang und wartete auf sie. „Ich dachte schon, du lässt mich sitzen.“ Mit diesen Worten überreichte er Lena eine gebundene weiße Rose.

„Dann gibt es bestimmt ein anderes Mädchen, das mit dir tanzt.“

„Nö, du weißt, wo du mich hinschieben musst. Mit Fini kann ich gar nicht tanzen.“

Und mit anderen Mädchen hatte er es überhaupt noch nicht probiert, weil er sich nicht traute. Der Arme.

Als sie paarweise vor dem Ballsaal standen und auf den Auftritt warteten, wurde auch Lena mulmig zumute. Tobi fasste ihre Hand. Er zitterte so stark, dass Lena Mühe hatte, die gefassten Hände ruhig zu halten. Endlich marschierten sie im Takt ein und tanzten gleich eine Polonaise. Es folgte ein Kotillon und zum Schluss ein Wiener Walzer. Sie schafften es, zu überleben. Dabei vertanzten sie sich nur zweimal.

Als sie wieder hinausgingen, umarmte Tobi Lena. „Vielen Dank. Ohne dich wäre ich aufgeschmissen gewesen.“ Dann küsste er sie. Lenas erster Kuss. Bisher fand sie Jungen eigentlich nur als Spiel- oder Sportskameraden gut. Aber dieser Kuss gefiel ihr. Jetzt wurden sogar ihre Beine weich, die vorhin doch noch so gut funktioniert hatten. Ihr Bauch kribbelte. Sie drückte sich an ihn. „Tanzen wir weiter, machen wir den nächsten Kurs?“, fragte er leise.

„Auf jeden Fall“, flüsterte Lena und freute sich darauf. Hatte sie am Morgen noch behauptet, niemand würde sie wieder in eine Tanzschule bekommen? Und Tobi würde sie auch nicht besonders interessieren? Was so ein Kuss alles ausrichten kann.

© Eva Joachimsen