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Ein Zusammenstoß

Randi balancierte ihr Paket vorsichtig durch das Gedränge am Hauptbahnhof. Leider hatte sie auf ihr Weihnachtsgeld warten müssen, um die Weihnachtseinkäufe zu machen. Seit Tagen war sie durch die Läden gelaufen, hatte sich über gestresste Verkäuferinnen und ungeduldige Kunden geärgert. Aber es hatte sich gelohnt, sie hatte für ihre Großmutter einen Porzellankerzenständer, passend zu dem guten Geschirr, bekommen. Bestimmt würde sie sich darüber freuen. Ihre Mutter hatte kein Verständnis für solchen Firlefanz. „Es muss praktisch sein und in den Geschirrspüler passen“, meinte sie stets.
Bei Oma war das anders, die stellte zu Feiertagen ihr gutes Geschirr hin und kochte aufwändig mit Suppe, Braten und Dessert. Bei ihr kam kein Fertiggericht auf den Tisch.
Auf einmal rempelte jemand Randi an, fast wäre ihr das Geschenk aus der Hand gefallen. Krampfhaft umklammerte sie es und hielt es hoch. Aber dadurch verlor sie bei einem zweiten Stoß die Balance und stürzte, noch immer das Paket mühsam hochhaltend. Sie landete unsanft auf dem Boden. Ihr Knie schmerzte, ebenso ihr Knöchel und ihr Ellenbogen. Aber das Paket hatte den Boden nicht berührt!
„Haben Sie sich verletzt?“ Ein junger Mann beugte sich über sie. Eine blonde Strähne fiel widerspenstig in sein Gesicht. Er sah so besorgt aus, dass Randi lachte. Dabei verzog sie ihr Gesicht schmerzhaft.
„Können Sie bitte das Paket halten, damit ich aufstehen kann?“, bat sie.
Der Mann nahm ihr das Geschenk ab und eine zierliche, grauhaarige Dame reichte ihr die Hand, um ihr hochzuhelfen.
Der Knöchel brannte höllisch. Am liebsten hätte Randi sich wieder fallen gelassen.
Ihre beiden Helfer musterten sie besorgt. „Soll ich einen Krankenwagen rufen?“, fragte die Frau.
„Danke, nein.“ Randi schüttelte den Kopf und griff nach ihrem Paket. Dann humpelte sie ein paar Schritte weiter. Es schmerzte, aber es ging, wenn sie die Zähne zusammenbiss.
„Wohin müssen Sie?“, fragte der Mann.
„Nur fünf Stationen mit der S3.“
„Mit der fahre ich auch. Ich begleite Sie.“
Er nahm ihr das Paket wieder ab und stützte sie. Mühsam humpelte sie die Treppe hinunter.
„Sie sollten zum Arzt gehen, Sie sind ganz blass.“ Er führte sie zu einer Bank und bat einen Jungen, aufzustehen.
Dankbar setzte Randi sich hin. „Ich werde froh sein, wenn ich zu Hause bin.“
„Kann Sie jemand zum Arzt bringen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Meine Eltern sind verreist, die kommen erst einen Tag vor Weihnachten zurück. Genau wie meine Freundin. Ich habe leider keinen Urlaub bekommen.“
„Dann bringe ich dich hin. Ich heiße Mark.“ Mit einer Handbewegung schob er die Haarsträhne aus dem Gesicht.
Dankbar lächelte Randi ihn an.
Die Bahn fuhr ein und obwohl das Abteil voll war, sorgte er wieder dafür, dass sie einen Platz bekam.
Sie unterhielten sich über die schlechten Bahnverbindungen. Viel zu schnell erreichten sie den Zielbahnhof. Mark stieg mit ihr aus und brachte sie in ihre Wohnung.
„Du willst wirklich nicht zum Arzt?“, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf und lächelte. „Ich kühle es, morgen geht es bestimmt wieder.“
Bevor er ging, bat er um ihre Telefonnummer.
Randi legte ein feuchtes Handtuch auf ihren Knöchel, dann öffnete sie das Paket. Es war so schön verpackt, aber sie konnte ihrer Großmutter doch keinen beschädigten Kerzenständer schenken. Zum Glück war er heil geblieben. Sorgsam stellte sie ihn in den Schrank, dann legte sie sich wieder auf das Sofa. In der Nacht schlief sie schlecht. Das Bein schmerzte zu sehr. Am nächsten Morgen meldete sie sich krank. Bevor sie dazu kam, einen Arzt anzurufen, klingelte das Telefon.
„Ich komme heute Nachmittag vorbei und bringe dich zum Arzt“, bot Mark an.
Randi war froh, als er gegen vier Uhr bei ihr erschien. Dann fuhr er sie zum Unfallarzt. Als sie endlich mit einem Gipsbein ins Wartezimmer gehumpelt kam, wartete er noch immer auf sie und brachte sie nach Hause.
„Wie gut, dass ich dich getroffen habe, was hätte ich sonst gemacht?“
„Und wie würdest du dich versorgen?“ Er hielt bei einem Supermarkt an und kam kurz darauf mit einer vollen Plastiktüte zurück.
Randi hielt lieber den Mund. Ihre Großmutter fuhr zwar nicht mehr Auto, aber sie würde ihre Enkelin nie verhungern lassen. Aber für so einen hilfsbereiten Mann würde sie bestimmt gern zurückstehen.
„Ich hoffe, du magst Pilzsuppe, Roastbeef mit Salat und anschließend Mousse au Chocolat?“
Daheim musste sich Randi hinlegen, während Mark kochte, den Tisch deckte und versprach, hinterher abzuwaschen.

Glühwein und Weihnachtsgans

Cindy hetzte durch die Stadt. In beiden Händen trug sie volle Plastiktüten. Eine Woche vor Weihnachten und erst jetzt hatte sie Zeit, sich um die Weihnachtsgeschenke zu kümmern. Es war zum Verzweifeln. Aber auf der Arbeit gab es so viel zu tun, dass sie jede Menge Überstunden schob. Und wenn sie dann endlich nach Hause ging, war sie viel zu müde um sich noch durch die Geschäfte zu schieben oder in Ruhe im Internet zu stöbern. Letzten Samstag wollte sie einkaufen, aber nachdem sie ausgeschlafen hatte, stand ihre kleine Schwester vor der Tür.
„Hallo Cindy, ich dachte, du brauchst jemanden, der dich aus deinem Trübsinn reist.“ Karo war eine spontane Studentin. Ein paar Semester mehr oder weniger regten sie nicht auf. Allerdings musste Cindy ehrlich zugeben, dass Karo ihrer Mutter nicht mehr auf der Tasche lag, sondern sich ihren Unterhalt selbst verdiente. Kein Job war ihr zu schlecht. Weder Babysitten, Kellnern, Nachhilfe, Hundesitter oder Verkäuferin. Selbst bei der Obsternte hatte sie schon zwischen den Apfelbäumen gestanden. „Lohnt sich überhaupt nicht, davon kann ich ja gerade einmal die Semesterferien überstehen“, meinte sie hinterher.
„Du, ich muss heute unbedingt Weihnachtsgeschenke kaufen“, sagte Cindy und wollte sie schon hinauswerfen.
„Kein Problem. Ich liebe Weihnachtsmärkte.“
Sie hatte nicht übertrieben. Jede Kleinigkeit interessierte sie. Überall blieb sie stehen und spielte mit den ausgestellten Waren. Das Ende vom Lied war, dass Cindy am Abend völlig erledigt war, weil sie von Stand zu Stand geschoben wurden, zwischendurch Glühwein, Krapfen, Bratwurst und gebrannte Mandeln in sich hineingestopft hatten. Dafür hatte sie kein einziges Geschenk besorgt. Schließlich hatte Karo nicht zugelassen, dass sie früh ins Bett gingen, sondern hatte sie auch noch ins Kino und hinterher in die Disko gezerrt.
„Ich bin müde. Ich hatte eine anstrengende Woche.“ Vergeblich. Ihre Argumente hatten ihr nicht geholfen. Gegen ihre kleine Schwester war sie machtlos.
„Wenn ich schon einmal in der Großstadt bin, will ich auch etwas erleben.“ Und weil es in ihrer Universitätsstadt keine großen Kunstausstellungen gab, scheuchte sie Cindy auch noch am Sonntagvormittag aus dem Bett und schleppte sie zu den modernen Malern.
„Du bist überhaupt nicht mehr informiert. Meine Güte, es gibt doch auch noch ein Leben außerhalb deiner Firma“, klagte sie, als sie von Bild zu Bild schlenderten.
Cindy atmete am Abend auf, als Karo ihren Rucksack packte und wieder verschwand. Sie freute sich fast auf ihr Büro. Trotzdem ging sie die nächsten drei Tage so früh wie möglich ins Bett. Und jetzt hatte sie nur noch sechs Tage Zeit für alles, einschließlich des Gänsebratens, denn Karo und ihre Mutter hatten sich wie gewohnt bei ihr eingeladen. Sie seufzte. Warum fühlte sie sich bloß für die Familie verantwortlich? Sie hatte ihren Vater schließlich nicht mit ständigen Vorwürfen aus dem Haus getrieben. Andererseits hatte sie damals die Rolle des Familienoberhaupts übernommen. Eine viel zu große Verantwortung für eine Sechzehnjährige, aber ihre Mutter war dazu nicht in der Lage gewesen. Und sie hatte auch auf das erhoffte Studium verzichtet, um ihrer Mutter nicht länger zur Last zu liegen.
In Gedanken schob sie sich durch die Menschen, die vor den Weihnachtsbuden standen, ohne auf sie zu achten. Sie wollte in den Fotoladen, der ein paar Meter weiter war. Überall stieß sie mit ihren breiten Tüten an und kam kaum durch die schmalen Gassen, die die Leute widerwillig bildeten. Sie nahm den rechten Arm vor die Brust und trug jetzt die Tüten vor ihrem Körper, um schmaler zu sein. Plötzlich drehte sich ein Mann um und prallte gegen sie, als sie gerade vorbeiging.
„Aua, können Sie nicht aufpassen?“, fauchte sie. Ihre beige Wolljacke färbte sich dunkelrot vom Glühwein. Entsetzt betrachtete sie ihr neues Stück. Wochenlang hatte sie genau diese Jacke gesucht, und jetzt kippte so ein Depp seinen Wein über die teure Jacke.

Aus Schneegestöber, Tannenduft und Sternenglitter