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Die Weihnachtsüberraschung

Missmutig saß ich in der Küche, frühstückte und schaute hinaus in den Dauerregen. Obwohl es schon Mitte Dezember war, ließ der Schnee noch auf sich warten. Ich überlegte, was ich Weihnachten unternehmen sollte. Seit ich mich vor vier Wochen endlich von meinem langjährigen Freund Jens getrennt hatte, war ich niedergeschlagen. Natürlich musste ich als Alleinstehende am Heiligen Abend und den beiden Feiertagen im Krankenhaus arbeiten, deshalb konnte ich nicht zu meinen Eltern nach Norddeutschland fahren. Was fing ich nun mit den einsamen Abenden an? Meine Freunde feierten alle in der Familie. Greta hatte mich zwar eingeladen, aber ich hatte abgelehnt, ich wäre mir dabei zu sehr als Eindringling vorgekommen. Vielleicht könnte ich Frau Bartels besuchen? Die alte Dame wohnte über mir. Einmal hatte ich sie zum Arzt gefahren, weil sie krank war. Seitdem verstanden wir uns hervorragend. Ich erledigte ab und zu kleine Besorgungen für sie, und sie hörte mir zu und spendete mir Trost. Dabei vermittelt sie mir immer das Gefühl alle Probleme wieder in den Griff zu bekommen. Sie lebte ganz allein und hatte keine Verwandten mehr. Manchmal erzählte sie zwar von ihrem wunderbaren Enkelsohn, den hatte aber noch nie jemand gesehen, deshalb bezweifelten wir seine Existenz.

Am Heiligen Abend ging ich also, sobald ich Feierabend hatte, festlich angezogen mit Kuchen und einem kleinen Geschenk zu Frau Bartels.

Wie ich erwartet hatte, war sie ganz allein in der geschmückten Stube. Sie war gerührt, dass ich sie besuchte und kochte gleich Kaffee. Bald saßen wir gemütlich zusammen, und sie erzählte von früher, von ihrer tödlich verunglückten Tochter und ihrem Enkelsohn. Sie zeigte mir alte Fotos und erklärte: „Mein Schwiegersohn ist Engländer, bald nach dem Tod meiner Tochter ist er wieder in seine Heimat zurückgegangen. In den ersten Jahren habe ich sie dort besucht, doch dann hat er wieder geheiratet, und ich wollte keine Unruhe in die neue Ehe bringen.“

„Haben Sie noch Kontakt zu ihrem Enkel?“, fragte ich neugierig.

„Aber ja, Steve ist ein feiner Kerl. Er besuchte mich manchmal. In den letzten Jahren hat er als Ingenieur in Amerika gearbeitet, das ist leider zu weit weg. Jetzt hat er sich nach München versetzen lassen, dann sehe ich ihn bestimmt öfter.“  Frau Bartels lächelte zufrieden.

Es klingelte an der Wohnungstür.

„Wer ist denn das?“, fragte sie überrascht und erhob sich. „Soviel Trubel war Weihnachten seit Jahren nicht mehr.“

Nach einer geraumen Weile kam sie mit einem unverschämt gutaussehenden, braungebrannten Mann im Arm zurück.

„Vanessa, das ist mein Enkel Steve, ich kann es noch gar nicht fassen, dass er hier ist“, stellte sie ihn vor.

„Guten Tag, so eine freudige Überraschung“, begrüßte ich ihn. „Sie haben sich sicher viel zu erzählen, da will ich nicht stören.“ Unauffällig wollte ich verschwinden. Aber ich hatte nicht mit Steve gerechnet.

„Nein, nein, ich kann doch nicht unangemeldet hier einfallen und die Gäste meiner Großmutter vertreiben. Bitte bleiben Sie hier“, bat er mit einem leichten englischen Akzent.

„Ich wollte sowieso gehen“, wehrte ich ab. „Morgen muss ich früh aufstehen und arbeiten.“

„Nein, Vanessa, Sie bleiben“, bestimmte Frau Bartels resolut. „Ich weiß nur nicht, was wir essen sollen. Vielleicht bestelle ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Pizza?“

„Bis die heute geliefert wird, sind wir verhungert. Ich habe noch Hähnchenschenkel und Rotkohl im Gefrierfach“, schlug ich vor.

Gemeinsam kochten wir unter viel Gelächter und Ausnutzung sämtlicher Reste ein dreigängiges Weihnachtsessen. Hinterher saßen wir bei einem Glas Wein und Steve erzählte spannend von England und Amerika. Die Zeit verging wie im Fluge.

Schließlich erhob ich mich, etwas Schlaf brauchte ich unbedingt. Steve bestand darauf, mich die Treppe hinunter zu begleiten. Vor meiner Tür sagte er: „Vielen Dank, dass du dich so nett um meine Granny gekümmert hast. Bitte, besuche uns morgen Abend wieder.“

Als ich überrascht zu ihm hochsah, lächelte er mich so liebevoll an, dass mir ganz warm wurde. Dann schloss er mich in seine Arme, hauchte mir einen Kuss auf den Scheitel und sagte leise: „Ich warte morgen auf dich.“

© Eva Joachimsen

Glatteiswarnung

Dina zog sich an. Winterstiefel, Daunenjacke, Mütze, Handschuhe und Schal. Draußen war es sehr kalt.
„Seien Sie heute vorsichtig. Überall ist es spiegelglatt. Es hat schon zahlreiche Unfälle gegeben“, brabbelte das Radio.
Sie musste sich sputen, deshalb hatte sie keine Zeit, das Radio auszuschalten. Vor lauter Eile brach sie fast den Schlüssel ab. Im letzten Augenblick ließ sie ihn los und versuchte es ein zweites Mal. Anschließend sprang sie leichtfüßig die Treppe hinunter und zur Haustür hinaus. Auf der Straße rutschte sie gleich auf den ersten Metern weg. Mit dem Glatteis direkt vor der Eingangstür hatte sie nicht gerechnet. Sonst war der Hausmeister immer sehr zuverlässig. Sie versuchte, das Gleichgewicht zurückzugewinnen und ruderte wild mit ihren Armen herum. Im letzten Augenblick brachte sie ihre Füße unter ihren Körper und gewann ihr Gleichgewicht zurück. Schade, dass das niemand gefilmt hatte, es war sicher sehenswert. Bei diesen Straßenverhältnissen würde sie es nicht mehr pünktlich zur Arbeit schaffen. Warum hatte sie auch bloß gestern noch den Krimi gesehen, statt früh ins Bett zu gehen? Natürlich hatte sie früh am Morgen dann den Wecker ausgestellt, statt aufzustehen. Mit ihren achtundzwanzig Jahren sollte sie eigentlich vernünftiger sein. Und jetzt konnte sie nicht einmal ihr Auto nehmen, um schneller zur Firma zu kommen.
Also schlitterte sie zur Bushaltestelle, anders konnte man ihre Fortbewegung nicht nennen. Vorbei an der alten Frau Schmättke von gegenüber. Sie war schon fast an der Haltestelle angekommen, da überlegte sie, wie ihre siebenundachtzigjährige Nachbarin bei diesem Glatteis irgendwohin gehen sollte. Also balancierte sie zurück.
„Frau Schmättke, bleiben Sie stehen. Sie können heute unmöglich aus dem Haus gehen“, rief sie schon von weitem. Doch die alte Dame hörte sie nicht. Unbeirrt lief sie weiter. Ihr Gehweg schien zum Glück noch stumpf zu sein. Dina nahm keine Rücksicht mehr, selbst heil anzukommen, sondern glitschte und rutschte, so schnell sie konnte. Frau Schmättke erreichte gerade die Gartenpforte, als Dina schon fast bei ihr war. Sie sah auf und nickte Dina zu. „Haben Sie etwas vergessen?“, fragte sie.
Doch bevor Dina antworten konnte, zog es ihre Beine weg und sie landete hart auf ihren Händen und Knien. Auf dem Bauch schlitterte sie bis vor die Füße von Frau Schmättke.
„Kindchen, haben Sie sich etwas getan?“, fragte Frau Schmättke, als Dina so vor ihr lag.
Dina sammelte sich erst einmal. Ihre Hände und Knie brannten, aber sie schien heil zu sein. Sie erhob sich, bevor Frau Schmättke sich bückte und ihr aufhalf.

Aus „Glatteiswarnung“, erhältlich bei amazon.