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Woher kommen die Schreibideen? – Glatteiswarnung

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Vor Jahren hatten wir einen Glatteiswinter. Wochenlang dümpelten die Temperaturen um null Grad herum. Tagsüber taute es leicht, während nachts alles wieder zufror. Straßen und Gehwege waren mit einem mehreren Zentimeter hohen Eispanzer bedeckt. Das Laufen war gefährlich, die Krankenhäuser überfüllt mit Patienten, die ausgerutscht waren und sich Arme und Beine gebrochen hatten.

Ich legte eines Tages vor den Augen einer erschrockenen älteren Dame eine artistische Darbietung hin, als die Beine wegrutschten und ich wild mit den Armen, in einer Hand noch einen vollen Einkaufsbeutel, herumruderte. Im letzten Augenblick schaffte ich es, auf den Füßen zu bleiben. Andere Passanten beobachtete ich, die sich gerade eben noch am Gartenzaun festklammern konnten.

Den Autofahrern erging es ähnlich. Selbst die Busse rutschten und drehten sich. Wir wohnten an einer Ecke, wo sich die Straße gabelte. So manches Mal standen wir am Fenster und beobachteten die Autos. Die Fahrer, die ganz im Schneckentempo fuhren, schafften es, um die Kurve zu manövrieren. Die Wagen, die viel zu schnell unterwegs waren, schlitterten geradeaus weiter. Aber die, die vorsichtig, aber nicht langsam genug waren, bretterten geradewegs in den gegenüberliegenden Glascontainer hinein, der dann jedes Mal laut schepperte.

Diese Ereignisse fand ich so witzig, dass daraus die Kurzgeschichte „Glatteiswarnung“ entstand, die inzwischen im E-Book „An Problemen wächst man“ erschienen ist.

Glatteiswarnung

Dina zog sich an. Winterstiefel, Daunenjacke, Mütze, Handschuhe und Schal. Draußen war es sehr kalt.
„Seien Sie heute vorsichtig. Überall ist es spiegelglatt. Es hat schon zahlreiche Unfälle gegeben“, brabbelte das Radio.
Sie musste sich sputen, deshalb hatte sie keine Zeit, das Radio auszuschalten. Vor lauter Eile brach sie fast den Schlüssel ab. Im letzten Augenblick ließ sie ihn los und versuchte es ein zweites Mal. Anschließend sprang sie leichtfüßig die Treppe hinunter und zur Haustür hinaus. Auf der Straße rutschte sie gleich auf den ersten Metern weg. Mit dem Glatteis direkt vor der Eingangstür hatte sie nicht gerechnet. Sonst war der Hausmeister immer sehr zuverlässig. Sie versuchte, das Gleichgewicht zurückzugewinnen und ruderte wild mit ihren Armen herum. Im letzten Augenblick brachte sie ihre Füße unter ihren Körper und gewann ihr Gleichgewicht zurück. Schade, dass das niemand gefilmt hatte, es war sicher sehenswert. Bei diesen Straßenverhältnissen würde sie es nicht mehr pünktlich zur Arbeit schaffen. Warum hatte sie auch bloß gestern noch den Krimi gesehen, statt früh ins Bett zu gehen? Natürlich hatte sie früh am Morgen dann den Wecker ausgestellt, statt aufzustehen. Mit ihren achtundzwanzig Jahren sollte sie eigentlich vernünftiger sein. Und jetzt konnte sie nicht einmal ihr Auto nehmen, um schneller zur Firma zu kommen.
Also schlitterte sie zur Bushaltestelle, anders konnte man ihre Fortbewegung nicht nennen. Vorbei an der alten Frau Schmättke von gegenüber. Sie war schon fast an der Haltestelle angekommen, da überlegte sie, wie ihre siebenundachtzigjährige Nachbarin bei diesem Glatteis irgendwohin gehen sollte. Also balancierte sie zurück.
„Frau Schmättke, bleiben Sie stehen. Sie können heute unmöglich aus dem Haus gehen“, rief sie schon von weitem. Doch die alte Dame hörte sie nicht. Unbeirrt lief sie weiter. Ihr Gehweg schien zum Glück noch stumpf zu sein. Dina nahm keine Rücksicht mehr, selbst heil anzukommen, sondern glitschte und rutschte, so schnell sie konnte. Frau Schmättke erreichte gerade die Gartenpforte, als Dina schon fast bei ihr war. Sie sah auf und nickte Dina zu. „Haben Sie etwas vergessen?“, fragte sie.
Doch bevor Dina antworten konnte, zog es ihre Beine weg und sie landete hart auf ihren Händen und Knien. Auf dem Bauch schlitterte sie bis vor die Füße von Frau Schmättke.
„Kindchen, haben Sie sich etwas getan?“, fragte Frau Schmättke, als Dina so vor ihr lag.
Dina sammelte sich erst einmal. Ihre Hände und Knie brannten, aber sie schien heil zu sein. Sie erhob sich, bevor Frau Schmättke sich bückte und ihr aufhalf.

Aus „Glatteiswarnung“, erhältlich bei amazon.