Die roten Traumschuhe

Levke eilte auf ihren Turnschuhen die Hauptstraße entlang. Kurz vor dem Bahnhof hatte ein neuer Schuhladen aufgemacht. Ihre Freundin Kira hatte ihn empfohlen. „Die haben preiswerte Markenschuhe, schau dich um, da kannst du ein Schnäppchen machen.“

Levke gehörte nicht zu den Frauen, die ein ganzes Zimmer voller Pumps, Sandaletten und Stiefletten besaß. Bisher trug sie bequeme Schuhe, die ihren Füßen garantiert nicht schaden würden. Doch jetzt hatte Kira sie zu ihrem Debütantinnenball eingeladen. „Allein gehe ich nicht hin, ich brauche unbedingt Verstärkung.“ Und Levke hatte in einem unbedachten Augenblick aus Mitleid ja gesagt.

Sie hatte nicht vor, viel auszugeben. Konnte sie mit ihrer geringen Ausbildungsvergütung auch gar nicht. Zum Glück passte sie in das Abendkleid ihrer Schwester. Leider hatte die eine Schuhgröße kleiner. Levke hatte ihre Füße mit aller Gewalt nicht hineinbekommen. Und zu so drastischen Mitteln wie bei Aschenputtel wollte sie nicht greifen.

Vor dem Schaufenster blieb sie stehen. Die Joggingschuhe in der Auslage hinten gefielen ihr, doch dafür fehlte ihr das Geld. Sie ging hinein und fand sich bald vor einem großen Regal mit Pumps wieder. Oder sollte sie lieber Sandaletten nehmen? Auf keinen Fall durfte der Absatz zu hoch sein, sonst würde sie den Abend nicht überleben.

Sie nahm etliche in die Hand, musterte sie kritisch und stellte sie wieder zurück. Zwei kamen in die engere Wahl. Sie passten aber nicht. Sie lief weiter zu den Sandaletten. Die Absätze waren tödlich. Nein, ganz unten war ein geeignetes Paar. Sie zog es an, es passte, gefielen ihr aber am Fuß nicht. Warum war sie so blöd gewesen und hatte Kira zugesagt?

Sie ging zu den Pumps zurück. Da es irgendein Paar sein musste, probierte sie sie wahllos der Reihe nach an. Tatsächlich, im Spiegel gefielen ihr einige sogar ganz gut. Sie lief hin und her, überlegte, mit welchem Schuh sie den Abend möglichst schmerzfrei überstehen konnte. Die Roten gefielen ihr eigentlich am besten. Sie sahen schön verrucht aus. Außerdem saßen sie gut.

„Ich würde die Roten nehmen. Die sehen sexy aus“, sagte eine Männerstimme hinter ihr.

Was erdreistete sich dieser Kerl? Verärgert drehte Levke sich um und schaute in ein lachendes Gesicht mit braunen Augen, markantem Kinn, sinnlichen Lippen. umrahmt von strubbeligen, dunkelbraunen Haaren. Ihre Augen wanderten hinunter. Breite Schultern, flacher Bauch. Ein Sportler, nicht viel größer als sie.

Unbewusst lächelte sie. „Normalerweise trage ich Turnschuhe.“

„Ich weiß.“

Was wusste der Typ schon? Sie zog die Brauen zusammen.

„Frauen, die High Heels tragen, ziehen keine Schlabberpullis an.“

Levke wurde rot. Was ging diesem Kerl ihr Outfit an? Er war garantiert nicht ihr Fall. Sie stand auf Männer mit Grips und nicht auf Muckiprotze. Gut, Muskeln durften die natürlich auch haben. Aber sie wollte sich mit ihnen wirklich unterhalten können und nicht nur über Fußball oder Ballerspiele sprechen.

„Die Schwarzen sehen unbequem aus und auf den ganz Hohen konnten Sie nicht laufen.“

Levke griff aus Trotz nach den Hohen. sie wollte nicht zugeben, dass er recht hatte.

„Ich würde eine Weile mit ihnen herumlaufen. Schließlich müssen Sie es ein paar Stunden in den Schuhen aushalten.“

Auch wenn sie es ungern zugab, er hatte recht. Zum Glück kam eine gefärbte Blondine mit üppiger Oberweite auf ihn zu und nahm ihn in Beschlag. Klar, so ein Weibchen passte zu ihm. Hoffentlich führte sie ihm ein Tänzchen auf, weil er mit einer Fremden geflirtet hatte.

Levke lief mit den Hochhackigen eine Weile im Laden herum. Sie wich einer Kundin aus und knickte dabei um. Fast wäre sie gestürzt, aber eine Hand hielt sie eisern fest. So eisern, dass es wehtat. Sie blickte sich um. Der Brünette stand hinter ihr. „Probieren Sie die anderen Schuhe.“

Wieder lief sie rot an. Doch bevor sie sich losriss und zur Kasse eilte, musste sie erst einmal ihre Turnschuhe anziehen. Während sie die Schuhe zuschnürte, fiel ihr die Absurdität ihres Handelns auf. Wie blöd, nur weil sie sich über einen Fremden ärgerte, Schuhe zu kaufen, auf denen sie nicht laufen konnte. Sie lachte laut, schnürte die Schuhe wieder auf, zog die dicken Tennissocken aus und die Nylonsocken an und schlüpfte in die roten Schuhe, dann lief sie durch den Laden. Die Schuhe saßen perfekt. Sie drückten nicht und sie fühlte sich sicher. Gut, einen ganzen Tag wollte sie nicht in ihnen verbringen, aber sie waren wesentlich besser als alle anderen, die sie anprobiert hatte. Sie musste dem Fremden Abbitte leisten. Sie zog ihre Turnschuhe an, packte die Roten in den Karton und ging zur Kasse. Während die Kassiererin den Betrag eintippte, kamen der Fremde und die Blondine.

Er schaute auf den Karton, sagte aber nichts. Dafür war ihm Levke dankbar.

„Ich will aber die Schuhe mit den Plateausohlen!“

„Damit läufst du wie eine Ente. Wenn du die anziehst, begleite ich dich nicht zu dem Debütantinnenball.“

„Musst du immer den älteren Bruder herauskehren?“, zischte die Blondine.

„Versöhne dich mit Kevin. Ich verzichte gern auf einen Ball mit lauter kleinen Gänschen.“

„Nie und nimmer. Der macht doch mit Hanna rum.“

Levke unterdrückte ein Grinsen und bezahlte. Sie nahm sich vor, auf dem Ball nach ihm Ausschau zu halten.

 

©Eva Joachimsen

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