Verlier nie die Hoffnung

OLYMPUS DIGITAL CAMERAFassungslos betrachtete Vanessa das Schreiben in ihrer Hand. Eigentlich hatte sie schon längst geahnt, dass es so kommen würde. Aber sie hatte es nicht wahrhaben wollen. Ihr Chef hatte sein Geld falsch angelegt. In der Gier, immer mehr Reichtum anzuhäufen, hatte er in fragwürdige Papiere investiert. Und jetzt war nicht nur sein privates Vermögen hin, jetzt war auch seine Firma pleite und die fünf Mitarbeiter mussten entlassen werden.

Noch am gleichen Tag eilte Vanessa zum Arbeitsamt und meldete sich arbeitslos.

„Im kaufmännischen Bereich sieht es sehr schlecht aus. Sogar den Versicherungen geht es nicht gut, wie Sie selbst sehen.“ Die Beraterin war nicht gerade aufbauend.

„Und was soll ich jetzt Ihrer Meinung nach tun?“

„Suchen, immer weiter suchen, bereit sein, einen weiten Anfahrtsweg auf sich zu nehmen. Am besten wäre es, wenn Sie in eine Region ziehen, der es wirtschaftlich besser geht.“

„Zum Beispiel, im Münchener Raum ist die Arbeitslosigkeit viel niedriger als bei uns.“

„Aber ich bin verheiratet und mein Mann hat einen guten Job“, widersprach Vanessa. Die Beraterin zuckte die Schultern und schickte sie weg mit dem Versprechen, ihr freie Stellen zu melden.

Am Abend wartete sie auf Ralf. Sie musste unbedingt mit jemanden sprechen. Doch er kam nicht zur gewohnten Zeit. In den letzten Monaten blieb er viel zu lang in der Firma. Vanessa machte sich schon Sorgen um seine Gesundheit. Aber heute brauchte sie ihn besonders. Sie überlegte kurz, ihn in der Firma anzurufen, allerdings ärgerte er sich darüber immer. „Herr Hermann es nicht mag, wenn ich Privatgespräche führe.“

Sollte sie lieber mit ihrer besten Freundin Hella telefonieren und sich den Kummer von der Seele reden? Sie ließ es, weil Ralf es ihr verübeln würde, wenn er es nicht als Erster erfuhr.

Gegen neun Uhr kam er endlich nach Hause.

Vanessa fiel ihm um den Hals. „Ich habe so auf dich gewartet.“

Er schob sie von sich und zog erst einmal seine Jacke aus.

„Was gibt es zu essen?“

„Aufschnitt, außerdem habe ich geräucherte Makrele besorgt.“ Es irritierte Vanessa, dass er so gar kein Interesse an ihren Sorgen hatte. „Ich muss wirklich dringend mit dir sprechen.“

„Was ist denn los? Ist jemand gestorben?“

Sie setzten sich an den Tisch. Vanessa traute sich nicht, mit der Tür ins Haus zu fallen. Beim Essen wollte Ralf sich nicht mit ernsthaften Dingen beschäftigen. Anschließend las er die Tageszeitung.

„Ich bin gekündigt worden“, erzählte sie, als sie sich auszog. Ralf lag bereits im Bett, da sie zuerst Zähne geputzt hatte. „Ich war auch schon beim Arbeitsamt. Die haben natürlich keine freien Stellen.“

„Das war zu befürchten. Such im Internet. Die meisten Stellen werden inzwischen darüber vergeben. Außerdem ist eine Bewerbung per Mail oder Homepage viel günstiger und schneller.“ Damit war das Problem für ihn gelöst und er drehte sich um und schlief gleich ein.

Vanessa hörte seinen gleichmäßigen Atem, während sie sich die Tränen wegwischte.

(…)

aus „Verlier nie die Hoffnung

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