Weltuntergang – Der Morgen danach

Sein Kopf dröhnte dumpf. Langsam breitete sich der Schmerz immer stärker aus. Vom Hinterkopf strahlte er bis ins Gesicht und den Nacken hinein. Und ihm war entsetzlich übel.

Ingo traute sich nicht, die Augen zu öffnen. Seine Phantasie gaukelte ihm die schrecklichsten Fratzen vor. Schüttelfrost packte ihn und seine Zähne stießen zusammen. Er bereute es, nicht mit Hanna und ihrer Gruppe nach Südfrankreich gefahren zu sein.

Seit Jahren versuchte Hanna ihn zu bekehren und in ihre Sekte hineinzuziehen. Nein, es war keine gefährliche Sekte. Nur ein bisschen spinnert waren sie.

Ingo hatte etwas am Rande mitgemacht. Ab und zu Hanna bei Vorbereitungen zu Gottesdiensten und Festen geholfen. Oder als Stichwortgeber auf Seminaren teilgenommen. Allmählich war er immer weiter hinein geglitten.

Über ihre Überzeugung, dass die Welt kurz vor Weihnachten 2012 untergehen würde, hatte er anfangs gelacht. Aber im Laufe der Monate und Jahre war er nicht mehr so sicher gewesen. Die Sektenmitglieder waren intelligente, angesehene Leute. Ingo konnte nicht dagegen halten und beugte sich immer mehr ihren Argumenten.

Hanna redete ihm seit dem Frühling zu, zu kündigen und nach Bugarach in Frankreich mitzukommen. Dort wollten sie sich in Ruhe auf das Ende der Welt vorbereiten. Sie wollten meditieren und sich reinigen, um für ein neues, anderes Leben vorbereitet zu sein.

Erst einmal nahmen sie die diversen Naturkatastrophen als Mahnung auf. Beeindruckt kündigte Ingo hastig und wollte im September nachkommen. Hanna kam eigens aus Frankreich, um ihn abzuholen.

Auf dem Flugplatz kam es Ingo absurd vor. Wenn die Welt schon untergehen würde, dann doch für immer und ewig. An den Mist mit dem Ufo glaubte er nicht. Kurz entschlossen hatte er Hanna stehen gelassen und umgebucht. Statt die Pyrenäen eine Weltreise. Und er hatte aus dem Vollen gelebt. War das Leben schon kurz, wollte er noch alle und alles mitnehmen. Wozu auf die große Liebe warten, wenn es in einem Vierteljahr sowieso endete? Warum in einer Pension nächtigen, wenn er im Hotel bedient wurde? Zuerst entsparte er, mitnehmen konnte er das Geld sowieso nicht, dann überzog er das Konto. Schließlich nahm er einen großen Kredit auf, für den seine Großmutter bürgte.

Am 20.12. war er mit einem süßen Mädchen und einem geliehenen Smoking ins Casino gegangen und hatte zum ersten Mal in seinem Leben gespielt. Gegen halb zwölf hatte er sich in die Bar gesetzt und in kürzester Zeit alle möglichen Cocktails ausprobiert. Die Apokalypse wollte er nicht nüchtern erleben. Er hatte wohl ziemlich lange in der Bar gesessen. Irgendwann hatte sie ihn hinausgeworfen. Da dämmerte es schon.

Jetzt bereute Ingo das letzte Vierteljahr. Wäre er doch bloß mit Hanna nach Bugarach gefahren. Bei so viel Liebe und Bereuen wäre er garantiert im Himmel gelandet. Vielleicht konnte Hanna noch ein gutes Wort für ihn einlegen.

Ingo fühlte Höllenqualen. Und das sollte er bis in alle Ewigkeiten aushalten? Länger konnte er die Augen nicht mehr geschlossen halten. Voller Angst vor dem schrecklichen Unbekannten öffnete er sie. Geblendet schloss er sie gleich wieder. Vorsichtig blinzelte er. Hell schien die Sonne ins Zimmer. Neben ihm schlief dieses süße Mädel, wie war bloß ihr Name?

Langsam richtete er sich auf und schaute auf die Uhr mit Kalender. 10.00 Uhr, 22.12. Er war schon tot. Er blinzelte, dann richtete er sich auf und sah aus dem Fenster. Er konnte den Kirchturm sehen und den Bahnhof. Menschen standen auf dem Bahnsteig und ein Zug fuhr ein. War denn die Welt nicht untergegangen? Ingo kniff sich. Entsetzt betrachtete er den roten Flecken auf dem Arm.

Wie sollte er bloß weiterleben?

 

© Eva Joachimsen

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