Der Strandkorb

 

Nicola packte ihr Netbook in die Badetasche. Darauf legte sie ihre Unterwäsche, T-Shirt und Shorts. Sie stellte die Tasche neben den Strandkorb. Gewollt achtlos warf sie ihr Handtuch darüber. Erst dann stürzte sie sich ins Wasser. Herrlich, das kühle Nass befreite ihren Geist. Über eine halbe Stunde blieb sie im Wasser, bevor sie zurücklief. Sie war etwas abgetrieben und musste suchen, bis sie ihren Platz und ihre Tasche entdeckte. Lag sie nicht woanders? Ihr Herz sackte in ihr Höschen. Nicht ihr Netbook. Es war zwar alt, nur deshalb hatte sie sich getraut, es überhaupt an den Strand mitzunehmen. Aber die vielen Stunden, die sie an ihrer Doktorarbeit gesessen hatte. Ihre Schritte wurden immer länger und schneller. Endlich erreichte sie das Handtuch. Ihre Tasche lag darunter und auch das Netbook war noch drinnen. Erleichtert atmete sie tief durch, trocknete sich ab, zog die Tasche näher an den Strandkorb und ließ sich dort nieder. Irgendein Fremder hatte ein Tuch und ein Polohemd hingelegt. Sie schob es zur Seite, fuhr ihr Netbook hoch und arbeitete weiter. Im Freien machte das Arbeiten viel mehr Spaß. Wie gut, dass ihr Akku stundenlang hielt. Darauf hatte sie vor Jahren beim Kauf auch besonders geachtet. Klein, handlich und lange Laufzeit. Den sonstigen Firlefanz brauchte sie nicht, sie benutzte es hauptsächlich als Schreibmaschine. Gerade jetzt. Eigentlich konnte sie sich gar keinen Urlaub leisten. Sie musste ihren Abgabetermin einhalten und war schon etwas in Verzug. Aber ihre Mutter hatte gedrängt. „Fahr an die See. Sieh zu, dass du an die frische Luft kommst, sonst wirst du noch krank.“ Sie hatte ihr auch den Urlaub spendiert und gebucht. Nicola brauchte nur den Koffer packen und hinfahren.

Ihre Mutter hatte recht gehabt. Brauchte sie daheim ewig, um ein paar Seiten zu schreiben, flogen ihre Gedanken und ihre Finger hier. In drei Tagen wäre sie fertig, wenn sie so weitermachen würde. Dann musste sie nur noch einmal alles durchlesen und überarbeiten und die Bilder und Tabellen einfügen.

Als sie mit dem Kapitel zu Ende war, sah sie auf. Direkt neben ihr lag ein braungebrannter Mann auf einem Handtuch. Er sah durchtrainiert wie ein Bodybuilder aus. Ganz schön dreist, ihr so auf die Pelle zu rücken. Sie fröstelte, daher zog sie ihr T-Shirt aus der Tasche und zog es über. Dann vertiefte sie sich wieder, wurde aber bald hochgeschreckt, als der Braungebrannte das T-Shirt vom Sitz neben ihr griff und es sich überzog. Aber Nicola war zu sehr in ihre Arbeit vertieft, um sich darüber Gedanken zu machen. Sie schrieb und schrieb. Ab und zu öffnete sie andere Dateien, schaute sich ihre Notizen noch einmal an, anschließend schrieb sie weiter.

„Wenn Sie weiter in der Sonne sitzen, bekommen Sie einen Sonnenbrand.“

Sie zuckte zusammen. Was ging es diesen aufdringlichen Fremden an, ob sie einen Sonnenbrand hatte oder nicht? Sie beachtete ihn nicht, sondern schrieb weiter.

Schließlich räusperte er sich. „Entschuldigen Sie, ich möchte Sie in Ihrer wichtigen Arbeit nicht stören, aber ich würde jetzt gern den Strandkorb abschließen.“

Sie fuhr auf, blinzelte erst einmal. Was erzählte er da gerade? „Das ist mein Strandkorb“, fuhr sie ihn an.

„Nein, meiner.“ Er hielt ihr den Schlüssel hin, darauf stand AH 317. Sie kramte in ihrer Tasche, bis sie ihren Schlüssel fand. AH 318.

Er nahm ihn und las. Dann lachte er. „Ihr Korb steht eine Reihe weiter hinten.“ Er zeigte auf den Korb neben ihnen. Nicola schaute auf ihren Schlüssel, danach auf die Nummer am Strandkorb und errötete. Am liebsten wäre sie unter den Korb gekrochen.

(…)

Leseprobe aus „Strandkorburlaub”, das Buch ist von amazon zu beziehen.

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