Peinliche Eitelkeit

Zufrieden betrachtete Ines sich. Der neue Hosenanzug stand ihr sehr gut. Tagelang hatte sie dafür im Supermarkt die Regale gefüllt. Das Blau passte hervorragend zu ihren langen, blonden Haaren und den blauen Augen. Nur die Brille störte den Gesamteindruck.
Kurz entschlossen nahm sie die Brille ab. Sie war zwar stark kurzsichtig, aber heute Abend nahmen Sandra und Ramon sie im Auto mit, da brauchte sie nicht scharf sehen. Es war zu ärgerlich, dass sie keine Kontaktlinsen vertrug.
Ines war gerade rechtzeitig fertig geworden, denn jetzt klingelte es. Fröhlich vor sich hin summend eilte sie zur Tür und begrüßte Sandra.
„Hallo, der Anzug steht dir gut“, lobte Sandra.
„Dafür muss mein Führerschein zwei weitere Wochen warten“, stöhnte Ines und folgte Sandra zum Auto. Dort kroch sie auf die Rückbank und stieß dabei gegen den Fahrersitz.
„Behandle mein Auto liebevoll, es ist ein altes Liebhaberstück“, bat Ramon. Dementsprechend sprang der Motor erst beim dritten Versuch an.
„Oldtimer gehören ins Museum“, meinte Ines und kratzte das Eis innen von den Seitenscheiben. „Hoffentlich hat Andi mit seinem Freund gesprochen. Er meinte, ich könnte mit Werbefotos etwas Geld verdienen.“
„Kennst du uns dann noch, wenn du als Supermodell zum Jet-Set aufsteigst“, stichelte Ramon und drehte sich zu ihr um.
„Blödmann, pass lieber auf den Verkehr auf. Sonst steigen wir zum Himmel auf und spielen Harfe. Irgendwie muss ich doch mein Studium finanzieren und Regale packen ist wirklich nicht mein Traumjob“, knurrte Ines.
Immer noch sich neckend stellten sie das Auto ab und liefen zu dem großen Einfamilienhaus von Carinas Eltern. Dort herrschte schon lebhafter Trubel. Mitten im Gewühl erblickte Ines Andi und stürzte auf ihn zu.
„Hallo, Andi, hast du schon Sven gesprochen?“, stieß sie hervor und fiel ihm um den Hals.
Der Mann schob Ines von sich.
„Tut mir leid, schöne Frau, aber ich kenne Sie nicht. Mein Name ist Christian“, sagte er. Er wirkte verärgert.
Verblüfft kniff Ines die Augen zusammen und musterte ihn. Er hatte die gleichen braunen Haare wie Andi und auch die gleiche Figur. Aber direkt vor ihm erkannte Ines, dass es ein Fremder war. Sie spürte, wie ihr das Blut zu Kopfe stieg. (…)

 
Aus: Peinliche Eitelkeit

Fünf kleine Liebesgeschichten

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s